Ein Kritiker stellt sich in die Ecke – von Rolf Kemnitzer (u.a.)

Die “Battle-Autoren” antworten auf Martin Linzers Polemik im Oktoberheft von “Theater der Zeit”.

Wir dokumentieren den uns vorliegenden vollständigen Beitrag, der in gekürzter Form im aktuellen Heft von TdZ nachzulesen ist:

 

Unzensiert nur im Dramablog

Eine Kolumne von Martin Linzer in Theater der Zeit ist eine von vielen Äußerungen, die zeigen, daß die Anregungen von uns Battle-Autoren aufgenommen werden. Wer Diskussionen, Interviews oder Artikel zum Thema „zeitgenössische Dramatik“ liest, stößt immer wieder auf Formulierungen aus unserer Erklärung. Unsere ins Spiel gebrachten Ideen erscheinen dabei oft vereinfacht oder gar verdreht, und auch ein Fachblatt macht da keine Ausnahme.

„Theater der Zeit“ hat nur den Teil unserer Gegendarstellung zur Linzerkolumne abgedruckt, den das Blatt aus gesetzlichen Gründen abdrucken mußte: die sachlichen Richtigstellungen. Hier der vollständige Wortlaut unseres Textes:

Ein Kritiker stellt sich in die Ecke

Polemiken schreiben will gelernt sein. Gute Polemiken beruhen auf Fakten, nicht auf Unterstellungen, Halbwissen und Fehlschlüssen. Gute Polemiken sind intelligent und leidenschaftlich, wütend und scharfzüngig. Die Polemik eines Kritikers in „Theater der Zeit“ gegen eine Berliner Autorengruppe ist nicht nur eine Beleidigung der Kunstform Polemik, sondern hier beleidigt der Kritiker auch sein eigenes Format, das er an anderer Stelle bewiesen hat.

Eine polemische Erwiderung erschiene uns uninteressant. Die uninformierten Entgleisungen des Kritikers enthalten allerdings einige Klischees und Mißverständnisse, auf die man in Gesprächen über die neue Dramatik immer wieder stößt. Indem wir diese besprechen, wollen wir die Debatte versachlichen. Uns ist auch daran gelegen klarzustellen, was uns dazu verleitet hat, als Autoren das Wort zu ergreifen, in die Metasphäre der Kritiker und Dramaturgen einzudringen, und eine Parzelle der Sinnproduktion zu besetzen. Warum wir es wagen, dem Theater Fragen zu stellen und Vorschläge zu machen.

Unsere „Autorenerklärung“ (nachzulesen z.B. unter dramablog.de) sollte zur Diskussion und zur Veränderung anregen. Der Kritiker, der diese Erklärung nicht gelesen zu haben scheint, zieht die Namhaftigkeit derjenigen in Zweifel, die unterschrieben haben. Interessant ist für uns weniger, daß z.B. Händl Klaus, Tankred Dorst, Moritz Rinke, Darja Stocker, Laura de Weck, Maxi Obexer, Kathrin Röggla und Dirk Laucke sowie viele andere, darunter auch geschlossene Lektorenschaften angesehener Verlage, unterschrieben haben. Viel interessanter ist, wie viele namhafte Dramaturgen, Regisseure, Kritiker und Autoren jene Erklärung nicht unterschrieben haben, obwohl sie die Forderungen ausdrücklich richtig finden. Viele wollen lieber nicht unterschreiben, weil sie fürchten, sich als Unzufriedene zu exponieren und bei irgend einer Einflußgruppe schlecht da zu stehen. Wir als Verfasser wurden immer wieder angefeindet, zuletzt von jenem Kritiker. Uns wurde oft gesagt, wir würden unsere beruflichen Möglichkeiten gefährden. Wir stießen auf eine Menge Haß, Neid, Besitzdenken, aber auch auf Interesse, Dialogbereitschaft und Willen zur Veränderung.

Unsere Aktivitäten, auch da irrt der Kritiker, sind keine gewerkschaftlichen. Wir fragen, unter welchen Bedingungen ein besseres Theater möglich wäre. Dabei vertreten wir die Meinung, daß eine starke zeitgenössische Dramatik zu einem lebendigen heutigen Theater gehört. Wenn wir die finanziellen Gegebenheiten in Frage stellen, dann nicht im Interesse der Autoren (und schon gar nicht in unserem persönlichen Interesse, wie jener Kritiker unterstellt), sondern im Interesse des Theaters. Die derzeitigen Arbeitsbedingungen von Autoren und einige Prinzipien der Theater sind kontraproduktiv.

Man hört es immer wieder: Schriftstellerei habe nichts mit Broterwerb zu tun, sondern sei eine „Berufung“. Demzufolge seien alle Förderungen und Schulungen für Dramatiker zu streichen – eine romantischer Vorschlag. Man müßte konsequenterweise fragen, ob Theater generell ohne Subventionen besser wäre. Ohne Subventionen, von denen indirekt auch die Fachzeitschriften und jener Kritiker leben.

Besonders Leute, die ihre große Zeit in den Sechziger Jahren hatten, betonen immer wieder wie sinnlos Autorenengagement sei. Ihr Argument: Es habe bereits Autoren gegeben, die sich engagiert hätten. Offenbar sind wir nicht die ersten, denen auffällt, daß der Subventionsbetrieb wirkungsvoller sein könnte. Wir sind nicht die ersten, die einen Widerspruch sehen zwischen dem romantischen Autorenbild, das herrscht, und den marktdarwinistischen Rahmenbedingungen.

Der im Westen angekommene Kritiker lobt das Deutsche Theater Berlin als zuschauerorientierten Dienstleistungsbetrieb und erinnert daran, daß man schon damals im Osten lieber Publikumsrenner gespielt habe. Ein Autor solle sich dem freien Markt stellen, statt bessere Entlohnung zu fordern. Aber wie sieht dieser freie Markt aus? Der Abnehmer des Autors ist nicht der Zuschauer, sondern der Dramaturg, dessen Kaufkriterien nicht in erster Linie von Zuschauerzahlen bestimmt sind. Uraufführungs-, Mode- und Jugendkult sowie manche andere Eigenheit des „Dramaturgenkunden“ hätte der marktorientierte Autor zu berücksichtigen. Die Theatersubventionen verändern das freie Spiel der Marktkräfte und mindern zudem die Tantiemen des Autors, denn sie machen die Kartenpreise billig. (Tantiemen berechnen sich nach der Höhe der Eintrittsgelder.) Es sei dahingestellt, ob eine grundsätzliche Ausrichtung des Schreibens aufs Publikum eine bessere Dramatik hervorbrächte.

Der Kritiker stellt das Stück „Feuergesicht“ von Mayenburg als Vorbild hin, weil es oft nachgespielt wurde. Könnte der Erfolgsautor allein von seinen Tantiemen leben? Nein. Der Glücksfall Mayenburg wird vor allem durch seine langjährige Hausautorenschaft an der Schaubühne ermöglicht. Wir halten Verbindungen zwischen Theatern und Autoren für förderlich. Es gibt Autoren, die lieber zurückgezogen arbeiten. Auch gut. Aber angesichts des Zustands, in dem Theater und neue Dramatik sich befinden, angesichts der weit verbreiteten Unzufriedenheit mit der „anderen Seite“ ist ein Gespräch zwischen den Verantwortlichen sinnvoll, und dazu zählen auch die Autoren. Wir stellen grundsätzliche Überlegungen an, manchmal gemeinsam mit Theaterleuten. Der Kritiker mag das „bescheuert“ finden. Seine Forderung nach mehr Geld für Dramaturgen ist der einzige konkrete Vorschlag, den er beizutragen hat.

Ein Brief an einige Intendanten war einer von vielen Versuchen, das Gespräch in Gang zu bringen. Die Antworten zeigen, daß viele die Verantwortung abschieben. Immer wieder heißt es, das mangelnde Interesse, an neuer Dramatik käme von den Zuschauern; außerdem seinen die Kulturpolitiker Schuld, die zum Sparen zwingen und viele Uraufführungen fordern würden. Wenn wir etwas verändern wollen, müßte es gelingen, tiefer liegende Ursachen zu thematisieren. Dazu laden wir auch den Kritiker ein: zu Sachlichkeit und Analyse.

Kolumnen müssen gefüllt werden. Kritiker (und Dramaturgen) müssen ständig Sinn produzieren und schaffen dabei einen ungeheuren Meta-Apparat. Aber so unsachlich wie in jenem polemischen Versuch des Kritikers wird es selten. Hätte er über das DT einen nicht recherchierten Artikel geschrieben? Wohl kaum. Seine Schlampigkeiten sind insofern interessant, als sie zeigen, welchen Stand die Autoren in diesem Betrieb haben. Für die muß man sich scheinbar keine Mühe geben. Die kann man schnell mal zusammen scheißen, als wären es die eigenen Kinder. Der lebende Autor ist das Liebes- und Haßobjekt vieler Kritiker und Dramaturgen. Über die Gründe für diese Haßliebe darf spekuliert werden.

Rolf Kemnitzer im Auftrag der Battle-Autoren

Eine Reaktion zu “Ein Kritiker stellt sich in die Ecke – von Rolf Kemnitzer (u.a.)”

  1. fk

    apropos recherche: die tantiemen werden hierzulande längst nicht mehr nach der höhe der kartenpreise berechnet, sondern nach einem komplexen regelwerk, in dem faktoren wir auslastung und einstufung des jeweiligen hauses eine rolle spielen. für studioinszenierungen haben die verlage pauschalen durchgesetzt, entkoppelt von den zuschauerzahlen. die theater haben sich drauf eingelassen – auch, weil offensichtlich ist, dass in den kleinen spielstätten die mehrzahl der inszenierungen neuer dramatik stattfinden. der im text genannte autor von “feuergesicht” könnte übrigens schon von seinen tantiemen ganz gut leben. er hat andere gründe, am theater zu arbeiten. gleichwohl gilt: die mehrzahl der zeitgenössischen autorInnen, die mit ihren werken in aktuellen spielplänen auftauchen, können ihren lebensunterhalt allein mit stückeschreiben nach wie vor nicht bestreiten.

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