11. Wurf: Ziemlich viele Romane in Aachen

Sommerpausenspielzeitcheck mit Pfeil und Bühnenjahrbuch / Stichprobe 5

(fk) Allmählich entwickelt sich das Feierabendritual zu einer meditativen Angelegenheit. Unter mantraartigem “blaukrautbleibtblaukrautundbrautkleidbleibtbrautkleid…”-Gemurmel stelle ich mich hinter die täglich variierende Abwurflinie, hebe das linke Bein, schließe beide Augen und werfe dann in schneller Folge meine mittlerweile drei Pfeile Richtung Dartbord los, auf das die DinA4-Deutschlandkarte nun türschonend gepinnt ist. Der letzte und 11. Wurf schlägt dann auch knapp neben Eschweiler ins Braunkohlerevier ein.

Aachen also: Köstliche Printen, Katholiken in Pelzmänteln, einstmals die höchste Kneipendichte der Welt, fast ausschließlich technoide männliche Studenten und/aber ein legendäres Dressur-Reitturnier, zu dem das Theater Aachen unter dem vielversprechenden Titel “Pferd und Sinfonie” schon einmal die Musik beisteuert (Sopran Eva Bernard). Nähere Informationen dazu hier. Spaß beiseite, hier kommt der Spielplan für die nächste Saison (wohlgemerkt: 2008/09):

- Effi Briest / Romanbearbeitung nach Fontane (Kammer)
- Die Dreigroschenoper / Brecht, Weill (gr. Haus)
- After Dark / Romanbearbeitung nach Haruki Murakami (Studio)
- Pünktchen und Anton / Romanbearbeitung nach Kästner (gr. Haus)
- In der Einsamkeit der Baumwollfelder / ein Theaterstück (!!!) von Koltès (Hammer, ich meine: Kammer)
- Endspiel / Beckett (gr. Bühne)
- Törleß / Romanbearbeitung nach Musil (Studio)
- Motortown / Simon Stephens (gr. Bühne!)
- Heute werd ich nicht alt / Postdramatisches Projekt von Jenke Nordalm (eine “theatralische Anordnung” übers Älterwerden – Kammer)
- Hikikomori / Jugendstück von Holger Schober (Studio)
- N.N. – neues Stück (Kammer)
- Schuld und Sühne /Romanbearbeitung nach Dostojewski
- Abgang / DEA des neuen Stückes von Václav Havel (gr. Bühne)
- Onkel Wanja / Tschechow (Kammer)

Mit 5 Romanbearbeitungen (ohne auf den ersten Blick erkennbaren inhaltlichen Zusammenhang) in einer Spielzeit stellt das Theater Aachen einen Roman-Dramatisierungs-Rekord (RDR) auf, der auch an Hauptstadtbühnen kaum einzuholen sein wird. Steuert Marcel Reich-Ranicki klammheimlich die Aachener Dramaturgie? In Aachen wird auch deutlich, welche Ursachen die beispielsweise in Veröffentlichungen des Deutschen Bühnenvereins mantraartig verkündete Repertoire-Erweiterung deutscher Bühnen haben könnte: Einfach mal ins Regal greifen. Warum die Schul- bzw. Urlaubslektüre nicht noch einmal auf die Bühne bringen? N.N. heißt hier die Position für das neue Stück, die wir im Auge behalten wollen. Gleich mal einen Vorschlag schicken …

Machen wir es kurz und schmerzlos: Das Theater Aachen reiht sich in die aktuellen, brandheißen Neue-Dramatik-Charts wie folgt ein:

- LTT, Tübingen ****
- Nordharzer Städtebundtheater, Halberstadt/Quedlinburg **
- Theater Regensburg **
- Theater Lüneburg *
- Theater Aachen * (RDR)

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