8. Wurf: Amüsemang in Regensburg
Sommerpausenspielzeitcheck mit Pfeil und Bühnenjahrbuch / Stichprobe 4
(fk) Dem Pfuschimpuls, meinen Pfeil dieses Mal eher zu stechen als zu werfen, wird nicht nachgegeben. Stattdessen lande ich nach trudeliger Flugbahn einen Treffer im tiefen Süden: Regensburg. Die Stadt an der Donau hat nach Frankfurt/M. mit 720 beschäftigten Einwohnern pro 1.000 Menschlein die zweithöchste Arbeitsplatzdichte Deutschlands. Da arbeiten schon die Kleinsten fleißig mit, scheint es. BMW, Continental, Osram, Siemens, Telekom, Toshiba gehören zu den größten Arbeitgebern der wirtschaftlich florierenden Region.
Das Theater Regensburg (www.theaterregensburg.de) ist ein Mehrspartenhaus mit 290 Mitarbeitern und mehreren Spielstätten, die sich über die Stadt verteilen. Im Großen Haus, dem Theater am Bismarckplatz, gibt es 519 Sitzplätze für Oper, Operette, Musical, Ballet und Schauspiel. Bis zu 620 Plätze stehen im Velodrom, der Ausweichspielstätte, zur Verfügung. Das Studio hat 138 Plätze, das Turmtheater 88. Das Theater bespielt eine Reihe weiterer Räume in der Stadt. Regensburg hat momentan ca. 131.000 Einwohner, womit sich für das Große Haus ein schwieriger Publikumsquotient (PQ) von 252 ergibt. Durschnittlich jeder 252te Regensburger muss also allabendlich ins Haus gelockt werden, um die größte Spielstätte zu füllen. Mit welchen Mitteln wird das in Regensburg versucht?
Die Homepage macht einen übersichtlichen, etwas technischen Eindruck und vermittelt Hochbetrieb. Die Spielplanübersicht 2008/09 nennt folgende 16 (!) Neuproduktionen im Schauspielbereich – ohne die Spielstätten anzugeben (wir nehmen noch Wetten entgegen):
- Die Dreigroschenoper / Brecht, Weill
- Nora / Ibsen
- Der Krawattenclub / Lacan (zeitgenössische frz. Männerfreunde-Komödie à la Reza)
- Außer Kontrolle / Cooney (britische Erfolgskomödie über das “schwierige Liebesleben der Politiker”)
- Der Gott des Gemetzes / Reza (die unvermeidliche aktuelle Erfolgskomödie der französischen Star-Autorin. Vielsagendes Zitat aus der Theater-Ankündigung: “Ein Vergnügen für alle, die ahnen, dass es keine kultivierte Streitkultur geben kann.”)
- Tannöd / Schenkel (Erfolgsroman-Dramatisierung)
- Die Nibelungen / Pommerening (Neubearbeitung des urdeutschen Mythos, Werbetext-Zitat: “Nibelungen sind auch bloß Menschen”)
- Das Fräulein Pollinger / Krischke (nach Horvaths Prosa-Vorlagen)
- Drei Schwestern / Tschechow
- Der eingebildete Kranke / Molière
Fazit: Ein amüsant-gemütlicher Spielplan mit Tendenz zur zeitgenössichen Komödie, ein von den Titeln her erst einmal experiment- und risikofreies Programm. Woher dieser Hang zur leichten Unterhaltung in einer so wohlhabenden Region? Möchte man von der Welt nicht gestört werden? Eventuelle soziale Härten werden mit Brecht und Horvath behandelt (beide übrigens skandalöserweise noch büstenlos in der nahen Walhalla-Ruhmesstätte und hiermit vorgeschlagen). Immerhin eine ungewöhnliche literarische Neufassung der Nibelungen eines ziemlich lebendigen Autors/Regisseurs. Bei diesem zahmen Programm bleibt nur die Hoffnung auf ein paar wilde RegisseurInnen für Regensburg.
Etwas aufregender sieht es bei den Inszenierungen für Kinder und Jugendliche aus: Das Traumfresserchen / Ende; Hexe Hillary geht in die Oper / Lund; Aussetzer / Hübner; Der Lebkuchenmann / Wood; Spatz Fritz / Herfurtner; Das Herz eines Boxers / Hübner. – Gleich zwei Stücke von Lutz Hübner über Wertekonflikte und Orientierungslosigkeit unter Jugendlichen. Ein seltener Fall von koninuierlicher Zusammenarbeit mit einem Dramatiker. Und immerhin übernimmt das Theater mit seiner relativ neuen Kinder- und Jugendtheatersparte deutlich kunstpädagogische Funktionen und strahlt mit mobilen Produktionen kräftig in die Stadt und theaterferne Zuschauermilieus hinein.
In unserer virtuellen dramablog/Neue Dramatik-Walhalla erhält das Theater Regensburg zwei von fünf möglichen Sternen (mit Tendenz zu drei Sternen). Es ergibt sich somit folgende vorläufige Rangfolge:
- LTT, Tübingen ****
- Nordharzer Städtebundtheater, Halberstadt/Quedlinburg **
- Theater Regensburg **
- Theater Lüneburg *
