7. Wurf: Sterne über Halberstadt

Sommerpausenspielzeitcheck mit Pfeil und Bühnenjahrbuch / Stichprobe 3

(fk) Ich hätte mir zur Abwechslung ja auch mal eine Metropole gewünscht. Aber der sechste Wurf wollte in Hamburg partout nicht steckenbleiben, so hats nun unerbittlich zufällig eben den Harz erwischt. Was haben Jürgen Sparwasser und Alexander Kluge gemeinsam? – Richtig: Beide sind sie in Halberstadt geboren. In Halberstadt (39.880 Einwohner, 15% Arbeitslosigkeit, Eisenbahnwerk, angebliche kulinarische Spezialität: Halberstädter Würstchen) gibt es das Nordharzer Städtebundtheater, vielmehr einen Teil davon. Die Zweigstelle liegt im nahen Fachwerkidyll Quedlinburg. Das Halberstädter Große Haus verfügt über erstaunliche 501 Plätze (ergibt einen äußerst problematischen Publikumsquotienten (PQ) von 70), daneben gibts eine Kammerbühne mit 99 Plätzen. Das Quedlinburger Haus hat immerhin noch 284 Plätze bei gerade einmal 23.000 Einwohnern (ergibt einen kaum weniger schwierigen PQ von 81). Es ist also davon auszugehen, dass sich alle Nordharzer Theatergänger duzen, wenn sie nicht ohnehin miteinander verwandt sind. Das Nordharzer Städtebundtheater bereist mit seinen Produktionen aber auch ca. 50 Abstecherorte von NRW bis Brandenburg. Das Theater, man höre und staune, verfügt trotz rigider Sparauflagen noch über Schauspiel, Ballett und ein eigenständiges Orchester. Die sehr zuschauerfreundliche Website www.harztheater.de präsentiert übersichtlich aufbereitete Informationen auch zur langen Geschichte des Hauses. Im Sommer 2007 war das Theater überregional in die Schlagzeilen geraten, nachdem Schauspieler des Hauses nach einer Vorstellung von Neonazis übel verprügelt worden waren.

Zum Spielplan für 08/09 findet sich auf der Homepage unter “Repertoire” folgende Schauspiel-Premierenankündigungen:

- Macbeth / Shakespeare (Großes Haus)
- Des Kaisers neue Kleider / nach Andersen (Großes Haus)
- Das Spiel von Liebe und Zufall / Marivaux (Großes Haus)
- Sterne über Mansfeld / Fritz Kater (Großes Haus)

Was passiert eigentlich im Studio? Wiederaufgenommen werden 08/09 jedenfalls folgende Produktionen:

Dame Kobold / Calderòn, Der Kick / Veiel, Der Name der Rose / nach Ecos Roman, Helden wie wir / nach Brussigs Roman, und, fast unvermeidlich: Loriots dramatische Werke, Dinner for one und Pippi Langstrumpf

Fazit: Der “kommunale Zweckverband” der beiden Häuser Halberstadt/Quedlinburg scheint auf den ersten Blick auf Bewährtes und zugkräftige Namen zu setzen. Ein abgesicherter Spielplan, der sich mit einer Nachinszenierung von Fritz Katers modernem Volksstück über Nachwenderealitäten in der entindustrialisierten ostdeutschen Provinz (uraufgeführt 2003 am Schauspiel Leipzig, danach in Freiberg, Hamburg, Halle und Magdeburg zu sehen) einen geradezu avantgardistischen Ausrutscher leistet, noch dazu im großen Haus, wo Katers Stück (in Leipzig und Halle mit größeren Chören inszeniert) auch hingehört. Den sehr knappen acht bislang angesetzten Vorstellungen werden hoffentlich noch weitere folgen. Und: Endlich mal ein Haus, an dem man sich nicht mit Dutzenden von Neuproduktionen pro Spielzeit selbst paralysiert.

Einem Vorschlag von Autorenseite folgend vergeben wir nach dieser streng pseudowissenschaftlichen Spielplananalyse den Nordharzern hiermit zwei (mit Tendenz zu drei) von fünf möglichen Sternen, womit sich folgende (vorläufige!) Rangfolge ergibt:

- LTT, Tübingen ****
- Nordharzer Städtebundtheater, Halberstadt/Quedlinburg **
- Theater Lüneburg *

Weitere Informationen zum Nordharzer Städtebundtheater finden sich hier (Theaterporträts auf theatertexte.de).

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