5. Wurf: Volltreffer in Tübingen

Sommerpausenspielzeitcheck mit Pfeil und Bühnenjahrbuch / Stichprobe 2

(fk) Freitagabend, 20Uhr10: Nach drei Fehlwürfen zwischen Stettiner Haff und Bornholm versuche ich es einbeinig, prompt landet der Pfeil in Schwaben: Böblingen. In Böblingen gibts ein Haus mit dem vielversprechenden Namen “Altes Amtsgericht”(www.altesamtsgericht-bb.de), welches hier nicht unterschlagen werden soll, obwohl man dort eher auf Comedy und Kabarett abonniert zu sein scheint. Also weiter mit dem Daumen ins nahe Tübingen zum Landestheater Württemberg-Hohenzollern, kurz LTT. Das kennt man ja gut. Denen eilt ein Ruf voraus. Also mal sehen: Nach kurzer Suche findet sich auf www.landestheater-tuebingen.de unter “Spielplan” eine Vorschau 08/09, die diese zurückhaltende Platzierung gar nicht nötig hat. Im Einzelnen sind dort folgende Premieren angekündigt:

- China Shipping / Ulrike Syha (UA)

- Der moderne Tod / nach Carl-Henning Wijkmark

- Die Familie Schroffenstein / Kleist

- Purpurheuchler (nach Heinrich VI) / Shakespeare-Bearbeitung

- Faust 2 / Goethe

- Fünf im gleichen Kleid / Allan Ball

- Hedda Gabler / Ibsen

- Leonce und Lena / Büchner

- Mein Bruder Tom / Bettina Erasmy (UA)

- Schrottengel / Petr Zelenka

- Ein offenes Sommerprojekt

- Sumsum / Laura de Weck (DE)

Fazit: Das LTT hat bei 85000 Einwohnern und einer Bestuhlung von 373 Plätzen im Großen Saal einen schwierigen Publikumsquotient (PQ) von 228. Wir erinnern uns, der PQ gibt an, dass durchschnittlich jeder 228te Tübinger pro Abend ins Theater gehen muss, um das Parkett in der größten Spielstätte idealerweise bis auf den letzten Platz zu füllen. Als Landestheater reist das LTT aber mitunter auch gastspielenderweise durchs Schwabenland und kommt so seinem Publikum entgegen. Leider sind die Spielstätten auf der Homepage nicht mit angegeben, so dass nicht zu sagen ist, ob man neuen Stücken auch auf der großen Bühne mal eine Chance zur Entfaltung gibt. Aber: zwölf Premieren, darunter sechs neue Stücke. Das ist allein schon bemerkenswert. Von Ulrike Syhas Stücken würde man auch in Berlin gern mal eine Inszenierung sehen. Reto Fingers Regiearbeit nach Wijkmark zum Überalterungsproblem unserer Gesellschaft klingt ziemlich interessant, neben zwei weiteren Erstaufführungen (de Weck, Erasmy) gibts noch eine Folge-Inszenierung eines tschechischen Zeitstückes (Zelenka) zu sehen. Was will man mehr? Das LTT bleibt seiner Tradition als engagiertes Autorentheater treu. Die trauen sich was in Tübingen. – Chapeau! Im Theaterranking dieser empirischen Spielplanstudie steht das LTT nunmehr auf Rang eins, gefolgt vom bereits jetzt weit abgeschlagen Lüneburger Theater. Dazwischen ist allerdings noch viel Platz…

3 Reaktionen zu “5. Wurf: Volltreffer in Tübingen”

  1. fk

    Nachtrag: Das Tübinger Spielzeitheft gibt weitere Auskunft über die Spielstätten: Faust 2 / Hedda Gabler / Die Familie Schroffenstein / Mein Bruder Tom / Fünf im gleichen Kleid / Die Purpurheuchler / China Shipping: Großer Saal. Leonce und Lena / Schrottengel: Werkstatt.

  2. Kemnitzer

    Diese Spielzeitchecks sind eine tolle Idee. Das muß unbedingt fortgeführt werden. Wäre toll, wenn man so eine Art Michelin für Theaterspielpläne hätte mit Sternchenvergabe.
    Das ist natürlich nicht leicht und wäre immer auch ein wenig subjektiv. Dabei ist die Frage interessant, ob zeitgenössische Dramatik auf der großen oder kleinen Bühne läuft, von Interesse. (In Tübingen ist es wohl meist die kleine Bühne.) Ob man die Spielplanvorlagen der großen Theater abschreibt und noch einmal den “Gott des Gemetzels” von Reza bringt oder ein Stück wie “Schrottengel” von Zelenka, das kaum woanders gespielt wurde. Ob man hinter Uraufführungen her ist wie der Teufel hinter der Großmutter oder andere Kriterien interessanter sind. Ob längerfristige Beziehungen zu Autoren gepflegt werden usw.

  3. fk

    in tübingen spielt man büchner in der werkstatt, syha auf der großen bühne (s.o. nachtrag). auch das ist schon ungewöhnlich. die checks werden fortgeführt, alles eine zeitfrage. gestern abend trafs halberstadt …

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