1. Wurf: Krokodile in Lüneburg
Sommerpausenspielzeitcheck mit Pfeil und Bühnenjahrbuch / Stichprobe 1
(fk) Nach überraschend gerader Flugbahn verfehlt der erste Wurf Hamburg nur knapp. Dabei hatte ich aufs Ruhrgebiet gezielt. Seis drum. Knapp südlich der Elbmetropole steckt nun also der eigens für diese empirische Untersuchung günstig erstandene Wurfpfeil in einer vermutlich ziemlich idyllischen Heideregion. Lüneburg ist laut Karte (Maßstab 1:3.400000, womit 1cm im Büro exakt 34km da draußen entspricht) die nächstgelegene Stadt. Lüneburg also, erster Kandidat unserer Stichproben im Land des weltdichtesten Stadttheaternetzes. Hermann Löns, äsende Schnucken, kindliche Fahrradtortouren durch Heidesand. Während ich erst die Pfeilspitze, dann das Loch in der Tür begutachte, frage ich mich, ob es in Lüneburg überhaupt ein Theater gibt. – Es gibt, und was für eins! Laut Bühnenjahrbuch hat die an der hier endenden bzw. beginnenden Autobahn A250 gelegene Stadt 70.128 Einwohner. Das Große Haus des Theaters verfügt über sagenhafte 542 Plätze, woraus sich schnell ein einigermaßen problematischer Publikumsquotient (PQ) von 129 Punkten ermitteln lässt. Was heißt das nun genau? Zur Veranschaulichung: In Lüneburg muss pro Abend durchschnittlich jeder einhundertdreißigste Bewohner, ob jung oder alt, ins Theater bewegt werden, damit die Bude voll wird. Zum Vergleich: Am Deutschen Theater in Berlin beträgt der PQ lässige 5627 Punkte. Statistisch betrachtet muss also der Werbeaufwand der Lüneburger Stadttheateröffentlichkeitsarbeit 43mal wirksamer werden als bei den Kollegen in Berlin. So zeigt denn auch bereits die Homepage des Theaters (www.theater-lueneburg.de) unter dem gleichermaßen provokanten wie verwirrenden Motto “Wir lieben es!” eine Zeichnung, auf der sich ein Mann mit Händen und Füßen gegen eine Krokodilseinverleibung stemmt, während sich auf seinem Rücken eine Blondine die Lippen rougt. Ein Kommentar auf Globalisierungseffekte? Wer weiß. Und schon jetzt, während der noch bis zum 31. August andauernden Theaterferien, kündigt die Seite folgende Schauspiel-Premieren für die Spielzeit 08/09 im Großen Haus an:
- Die zwölf Geschworenen / Rose
- Happy End /Lane, Weill, Brecht
- Die Schneekönigin / in einer Bearbeitung des Intendanten
- Der Besuch der alten Dame / Dürrenmatt
- Käthchen von Heilbronn / Kleist
- Mirandolina / Goldoni
Hört hört. Angaben zu Premieren in der kleineren Spielstätte (Studio) fehlen noch. Das soll vermutlich zusätzliche Spannung erzeugen. Ein Blick ins Repertoire 07/08:
- Zwischen (deutsch-türkischer Soloabend im Studio)
- Texte und Lieder von Kurt Tucholsky (Studio)
- ein niederdeutscher Theaterabend (Studio)
- Robinson und Crusoe (Studio)
- Loriots dramatische Werke (Studio)
Fazit: Ein jeglicher modernistischer Spirenzchen unverdächtiger Spielplan. Wir wünschen dem Theater Lüneburg auf seinem Kurs allzeit gute Fahrt, stets einen Spaten Heidesand unterm Kiel und natürlich regsten Publikumszulauf. Möglichst auch aus dem weiteren ländlichen Umkreis zwischen Bremen, Braunschweig und Schwerin. Jedes Schäfchen wird benötigt, soviel steht fest. Ein an dieser Stelle lauernder Moorleichenwitz wird der dieser wissenschaftlichen Untersuchung angemessenen neutralen Objektivität (widerstrebend) geopfert. Schön, einmal nicht über neue Dramatik schreiben zu müssen.
