Zehn Fragen an …
1) Welche drei bemerkenswerten Theaterstücke fallen Ihnen spontan zuerst ein?
Patricia Nickel:
- Erdman, Der Selbstmörder
- Jelinek, Bambiland
- Dirk Laucke, alter ford escort dunkelblau
Sabine Westermaier: herr ritter von der traurigen gestalt/voima, wälder/mouawad, kaspar häuser meer/zeller
2) Welche bemerkenswerten Inszenierungen fallen Ihnen spontan zuerst ein?
Patricia Nickel:
- Alvis Hermanis / Ljod, Eis (Frankfurt/Main)
- Jens Poth, terrormum (Osnabrück)
- Frank Castorf, Die Schmutzigen Hände (Berlin)
Sabine Westermaier:
iwanow/gottscheff, parsival/claudia bauer, herr ritter von der traurigen gestalt/christian weise
3) Sind Sie der Meinung, dass TheaterautorInnen in angemessener Weise entlohnt werden?
Patricia Nickel: Nein, das werden sie nicht, wie übrigens die meisten Theaterschaffenden.
Sabine Westermaier: was ist schon angemessen, die löhne am theater sind genauso ungerecht wie alles übrige auch in der welt!
4) Wie sähe Ihr ideales Modell einer Autoren-Zusammenarbeit mit einem Theater aus?
Patricia Nickel: Für mich steht die kontinuierliche Zusammenarbeit im Vordergrund. Das persönliche Kennen lernen setzte ich dafür voraus. Mich interessiert, wer da überhaupt schreibt. Ich muss auch nicht erst ein Stück bekommen, das der Verlag schon fix und fertig durchlektoriert hat und somit oft eher aus der Verlegersicht/Verlagspolitik gedacht und bearbeitet wurde. Denn schon während des Schreib-/Arbeitsprozesses kann auch ein Dramaturg hilfreich sein. Ich begreife meinen Job als Anwalt, Kollege, Gesprächspartner und Mitrummspinner, ich will Stücke mitentwickeln, den Menschen meiner Generation die Gelegenheit geben (auch wenn man sicher nie die Kapazität hätte, jedem eine tatsächliche UA/Inszenierung zu versprechen) in Kontakt zu kommen, sich zu treffen und ein Bewusstsein zu vermitteln, dass man sich für das interessiert was Autoren an ihren Schreibtischen so loswerden. Der direkte Kontakt zum Autor während der Probenphase einer Inszenierung kann ganz schnell Schwellenängste auf Seiten der Spieler/des Inszenierungsteams als auch beim Autor selbst abbauen. Bei Autoren wie Dirk Laucke, Johannes Schrettle oder Nora Mansmann hatte ich das Glück, auf junge Autoren zu treffen, die die gemeinschaftliche Arbeit suchten und im Prinzip ideal an der Inszenierung beteiligt waren.
Sabine Westermaier: gibt es nicht, ist mit jeder autorin neu zu definieren…, auftragswerke sind, wenn die zusammenarbeit klappt, was sehr aufregendes.
5) Was halten Sie von der Einführung einer Klassikerabgabe als “Umlagemodell” zur zusätzlichen Honorierung zeitgenössischer DramatikerInnen?
Patricia Nickel: Ich denke, da sollten auch noch andere Modelle der Autorenfinanzierung debattiert werden.
Sabine Westermaier: bitte gern!
6) Stellt das heutige Regietheater für Sie ein Problem dar? Welchen Einfluß hat das Regietheater auf Ihre Arbeit?
Patricia Nickel: Überhaupt nicht. Ich wachse theatertechnisch quasi damit auf und das tun die Autoren meiner Generation auch und wenn sie sich mit dem aktuellen Regietheater nicht auseinandersetzten, dann geht ihnen auch eine Menge Input verloren. Nichts ist schlimmer, als Menschen die sich nicht für das Genre interessieren für das sie schreiben/arbeiten. Regietheater auf der anderen Seite sollte nur aufpassen, dass es sich mit der neuen Dramatik nicht zu einfach macht. Schienen wie: Das Stück ist neu, worum geht’s, ach ja, da gibt es ja zum Glück nicht so viel Sekundärliteratur, mach ich mal so eben nebenbei eine Uraufführung von Autor XY und konzentrier mich lieber auf Shakespeare und Lessing. TOTAL FATAL! Letzteres will ich verhindern.
Sabine Westermaier: frage 1: nein, ich mag starke handschriften von regisseurinnen / frage 2: ich arbeite ausschließlich in regietheaterzusammenhängen
7) Steckt die “Neue Dramatik” in einer größeren inhaltlichen Krise? Wenn ja: Lässt sie sich kurz beschreiben?
Patricia Nickel: Finde ich nicht. Inhaltlich hat die NEUE DRAMATIK eine ganze Menge zu sagen. Manchmal hat sie sogar ein so ausuferndes Potential an Inhalten zu bieten, dass oftmals in einem einzigen Stück unterschiedlichste Dinge gepackt werden, was diesem sogar schadet. Die Reduktion und Fokussierung kann da inhaltlich aufwerten und verständlich machen.
Sabine Westermaier: neue dramatik ist ein sehr vager begriff, manchmal sind ja schon stücke von vor drei jahren nicht mehr neu, sondern durch und abgespielt, das spiegelt aber nur den zeitgeist wieder; mit dem begriff inhaltliche krise kann ich nichts anfangen: es gab schon immer wenige sehr gute und sehr viele weniger gute stücke. problematisch ist die tendenz zur einweg-, wegwerfdramatik…die theater sollten einfacher genauer kucken, wonach sie greifen, um dann einen längeren atem zu haben.
8 ) Wie sind Ihre Erfahrungen mit Veranstaltungen wie “szenischen Lesungen”, “try outs” oder “Werkstattinszenierungen”?
Patricia Nickel: Die gibt es bei uns in Osnabrück nicht so oft. Auch wenn das Budget klein ist, versuchen doch die Beteiligten mit allen Mitteln eine RICHTIGE Inszenierung auf die Beine zu stellen. Selbst beim Festival wird 6 Wochen geprobt, es gibt Bühnenbildner, inhaltliche Auseinandersetzungen mit Dramaturgen und Autoren und hochmotivierte Schauspieler, die dann sogar Text lernen.
Sabine Westermaier: je purer desto besser, das heisst den text ins zentrum stellen
9) Uraufführungszahlen steigen – Vorstellungsserien werden tendenziell kürzer: Was tun?
Patricia Nickel: Das stimmt für Osnabrück nicht. ‘alter ford’ oder Stücke von Rebecca Kricheldorf laufen bei uns auch an die 25 Mal. Vorstellungsserien können dank einer guten Marketingstrategie verlängert werden. Das macht aber auch ordentlich Arbeit.
Sabine Westermaier: nicht auf uraufführungen schielen, besonnener auswählen, besser inszenieren!
10) Verraten Sie uns, woran Sie gerade arbeiten?
Patricia Nickel: Am Samstag habe ich Premiere mit dem Kinderstück PINIENKERNE WACHSEN NICHT IN TÜTEN von Paula Fünfeck, parallel betreue ich DIE SCHMUTZIGEN HÄNDE in der Inszenierung von Cornelia Crombholz, dann bereite ich die nächste Uraufführung eines Fun-Punk Musicals vor und, na ja, die nächste Spielzeit ist bei mir auch wieder sehr zeitgenössisch – und das bedarf einer gründlichen Vorbereitung. Mit besten Grüßen aus Osnabrück! Patricia Nickel
Sabine Westermaier: auferstehungsblues von arthur miller
