“Theater braucht Zeit – Dramaturgen fehlt sie”

Ergebnisse einer Umfrage unter Dramaturgen zum Thema “Zeit”. Hier ein Beitrag über den dramaturgischen Arbeitsalltag, den uns die “dramaturgische gesellschaft” schickt:

Theater braucht Zeit – Dramaturgen fehlt sie


Im Vorfeld der Tagung der Dramaturgischen Gesellschaft „Geteilte Zeit Theater zwischen Entschleunigungsoase & Produktionsmaschine“, die vom 31.01. bis 03.02.2008 in Kooperation mit dem Thalia Theater in Hamburg stattfand, befragten wir unsere Kollegen und Kolleginnen zum Thema Zeit.

Folgende Fragen erreichten im Oktober 2007 per Email die Dramaturgien deutschsprachiger Sprechtheater:

1. Inwiefern spielt Zeit für Ihren Beruf eine Rolle und was hat sich dabei für Sie verändert?

2. Wofür verwenden Sie in Ihrem Beruf hauptsächlich Zeit?

3. Wofür fehlt Sie Ihnen?

4. Welche Bedeutung kann Zeit auf der Bühne haben?

5. Können Sie eine Aufführung bzw. ein Theatererlebnis nennen und kurz beschreiben, in dem Zeit eine besondere Rolle gespielt hat?

16 Dramaturginnen und Dramaturgen* nahmen sich die Zeit (vorgeschlagen waren drei Minuten, um den für Dramaturgen gewohnten Zeitdruck zu gewährleisten), ihre Gedanken zu Papier zu bringen. Die anderen hatten wahrscheinlich keine Zeit. Diejenigen, die uns schrieben, fügten fast immer ihrer Mail hinzu: „in aller Schnelle hier meine Antworten“, „da ich nur wenig Zeit habe, hier mein kurzes Statement“ oder „mit etwas Verspätung schicke ich Ihnen …“ – vielleicht ohne sich bewusst zu sein, damit schon die Frage nach der verfügbaren Zeit zu beantworten.

Tatsächlich ergibt sich aus der eingegangenen elektronischen Post ein wenig überraschendes Stimmungsbild: Zu wenig Zeit für zu viel Arbeit. Zu wenige Leute für zu viel Arbeit. Zu wenig Konzentration, zu wenig Muße, zu wenig Lesezeit. Zu wenig Gesprächs-, Entwicklungs- und Freizeit. Der Dramaturgenalltag erscheint als „ewiger Zustand der Eskalation: die Deadline naht, das Bewusstsein der Deadline, des drohenden Zusammenbruchs oder des Gelingens“ verbunden mit der wachsenden „Furcht, dass man irgendwann nur noch fähig ist, so zu arbeiten“ [Henrik Adler, Berliner Festspiele].

Erstaunlicherweise beziehen aber die Wenigsten die 3. Frage auf ihre Lebenszeit, sondern zumeist auf die fehlende Zeit in ihrem Beruf. Für einige Kollegen ist auch gerade die fehlende Trennung – Lebenszeit = Arbeitszeit – problematisch. Allein acht von 16 Kolleginnen und Kollegen vermissen Zeit zum Lesen, vor allem zum Lesen neuer Stücke. Dr. Michael Baumgarten aus Greifswald löst dieses Problem so: „Zur Zeit gehe ich wenigstens nachmittags noch nach Hause, um für den kommenden Spielplan Stücke lesen zu können.“ Die Gestaltung eines Spielplans, das Kerngeschäft der Dramaturgen, erfordert Freiraum zu frischem Denken und Zeit, um zu lesen, das Gelesene zu reflektieren und im Team zu diskutieren. [...]

Die erhöhte Arbeitsgeschwindigkeit muss sich im Produkt niederschlagen: Wird es in Zukunft mehr „Schnellschüsse“, Skizzen, kürzere Proben- und Laufzeiten und flottere, unaufwendigere Projekte geben? Liegt der Charme im Unvollkommenen und im Mut, eventuell Unfertiges zu präsentieren? Bei aller Offenheit, neue Wege des beschleunigten Produzierens zu gehen: Bei vielen bleibt das Gefühl der Überforderung und der Frustration im „Kampf mit dem eigenen Qualitätsanspruch“, denn: „Leistung = Arbeit durch Zeit“, lautet die Gleichung bei Frederik Zeugke aus Stuttgart. Die Antworten des Fragebogens benennen vielerlei Gründe dafür: Unterbesetzung in der Abteilung, zu viele Projekte und Sonderveranstaltungen, Entgrenzung des Berufsbildes in Richtung Öffentlichkeitsarbeit und Verwaltung. Dramaturgen sind schon lange nicht mehr nur „Anwälte des Textes“. Sie sind heute Projektleiter, Moderatoren, Theaterpädagogen, Partner für das jeweilige Regieteam, Rechercheure, Akquisiteure, Bibliotheksgänger, Verwalter, Organisatoren. Doch der Zeit- Schrank hat demgegenüber keine neuen Fächer bekommen. Freunde und Familien fordern ein, dass auch Ihnen Zeit gewidmet wird. Die Zeit ist dabei unser Feind, sie ist immer die Abwesende.

Beim genauen Lesen der Antworten auf die 4. und 5. Frage, die sich auf die Zeit auf der Bühne und in der Erzählweise einer Inszenierung beziehen, fällt eine Formulierung besonders auf: „Die Zeit ist ein Partner. Wir können mit ihr spielen“ [Christoph Meier-Gehring, Staatstheater am Gärtnerplatz, München]. Gleich fünfmal findet sich dieses Bild der Partnerschaft in den Antworten – aber eben nur im ästhetischem Zusammenhang, auf der Bühne, wo Zeit wie ein Verbündeter gestaltet und genutzt wird, um Vorgänge und Atmosphären zu intensivieren, zu dehnen, zu raffen, still stehen zu lassen oder zu vergrößern. In solch konzentrierten Bühnen-Zeit-Momenten wird Zeit zum Ereignis, es entsteht eine „einzigartige Kraft“ [Meier-Gehring], ein Moment der „emphatischen Gegenwart“ [Adler] und des Gefühls, „ganz da, ganz bei mir und gleichzeitig ganz woanders zu sein“ [Adler]. Auf der Bühne kann Zeit alles sein: „gelebte Relativitätstheorie. Endlose Ratlosigkeit. Vorübergehende Unschlüssigkeit. Sekundenaufblitzende Erkenntnis. Erkenntnis voll Glück, Sinnlichkeit und Ewigkeit.“ [Zeugke].

Es gibt kein Patentrezept, wie man sich die Zeit nicht nur auf der Bühne, sondern auch in seinem Berufsalltag zum Verbündeten und Partner macht. [...] Wie sehr lasse ich den vermeintlichen Mangel an Zeit meine Arbeit und meine Freizeit bedrängen? Was will ich verändern? Das Zeit-Problem lässt sich kaum durch eine noch größere Kontrolle der Zeit lösen. Der Zeitforscher Karlheinz A. Geißler spricht in diesem Zusammenhang von „Zeitwohlstand“ und einer „Kultur der Zeitvielfalt“. Es geht ihm um die Möglichkeit, Eigenzeit zu erleben, flexibel mit Zeitvorgaben umzugehen, das Tempo im Alltag selbst zu beeinflussen, sein Umfeld rhythmisch zu organisieren und Zeitsouveränität im Arbeitsprozess zu erhöhen.

„Mit der Dauerhaftigkeit zu brechen, bedeutet jeden Moment als einen Moment der Möglichkeit zu öffnen, zu versuchen, jeden Moment aus dem allgemeinen Fluss der Zeit zu heben und ihn über seine Beschränkungen hinaus zu drängen.“ (John Holloway)

[Auszug aus „Über eine ‚emphatische Gegenwart’, – im Büro und auf der Bühne von Birgit Lengers und Amelie Mallmann. In: Dramaturgie. Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft. Nr. 2/2007, S. 3f.]

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* Geantwortet haben uns: Henrik Adler [Berliner Festspiele], Dr. Michael Baumgarten [Theater Vorpommern], Christine Besier [Düsseldorfer Schauspielhaus], Judith Eimannsberger [Theater Baden-Baden], Christoph Maier-Gehring [Staatstheater am Gärtnerplatz, München], Patricia Nickel [Theater Osnabrück], Brigitte Ostermann [Gerhart-Hauptmann- Theater, Zittau], Caren Pfeil [Landesbühne Sachsen], Jürgen Popig [Theater Osnabrück], Christian Scholze [Westfälisches Landestheater], Susanne Schulz [Anhaltisches Theater Dessau], Dr. Thomas Spiekermann [E.T.A-Hoffmann-Theater, Bamberg], Angelika Stübe [Deutsches Schauspielhaus Hamburg], Frederik Zeugke [Staatstheater Stuttgart]

2 Reaktionen zu ““Theater braucht Zeit – Dramaturgen fehlt sie””

  1. helen schneider

    Nur drei Minuten für eine Antwort, das ist der Zeitrahmen ? Das heißt, ich sehe neue Stücke in einem subventioniertem Theater, die gerade überflogen wurden, muss ich ja annehmen, wenn die nur ihre Deadline kennen, und dann entscheidet wer, wie, dass die gespielt werden ? Das soll eine Zuschauer verstehen. – Wie geht das ? Da muss ich doch eigentlich gar nicht hingehen, wenn Entscheidungen so ohne jede Muse, wie sie sagen, gefällt werden. – Aber ich gehe doch da hin, um etwas zu erleben, was ein anderes Gefühl für Zeit hat, als ich. Sich mehr Zeit nimmt. Die sollen doch was machen, was nicht so im Stress entsteht, wie meine gewöhnliche Arbeit. Etwas, wo Dinge ausführlicher und fürsorglicher behandelt und beobachtet werden, als meine Arbeitszeit es zu lässt. – Also, dass die genauso wenig Zeit haben, wie ich als Projektleiterin für Kreativkurse in der Alterspflege, na, wahrscheinlich hab ich da noch mehr Vorbereitungszeit für meine Töpferkurse, da kann ich doch dann meine Leute gar nicht mehr hinbringen, in so ein Stück für “Neue Dramatik”, wie sie das nennen.

    Freundliche Grüße

    Helen Schneider

  2. Schmidt, Jörg

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    mein Name ist Jörg Schmidt, freier Journalist, und ich bin von Herrn Andreas Mühe (Bruder des verstorbenen Schauspielers Ulrich Mühe) beauftragt, diese Information zu veröffentlichen. Über eine Berichterstattung würde ich mich freuen. Bei Rückfragen: Jörg Schmidt in 03042- Cottbus, Am Doll 3 oder Tel. 0171-190 93 58. Kontakt zu Herrn Mühe kann ich herstellen.

    Mit freundlichem Gruß, Jörg Schmidt

    Postume Ehre für Ulrich Mühe

    Am 03. Oktober 2008 gedenkt die Gemeinde Walbeck (Sachsen-Anhalt) den verstorbenen Schauspieler Ulrich Mühe (54). In Erinnerung an den am 22. Juli vergangenen Jahres verstorbenen Künstler wird die Gemeinde Walbeck ihr Bürgerhaus den Namen „ULRICH MÜHE“ verleihen. Eine Messingtafel mit dem Namen des Künstlers wird seine Ehefrau, Schauspielerin Susanne Lothar, bei einer Feierstunde enthüllen. Die Veranstaltung beginnt um 13 Uhr im Bürgerhaus Walbeck. Den Festvortrag halten Bürgermeister Martin Herrmann und Frau Susanne Lothar. Musikalisch umrahmt wird der Festakt durch das Rossini Quartett. Dazu möchten wir Sie recht herzlich einladen.

    Ulrich Mühe – war einer der größten und eindringlichsten deutschen Schauspieler auf der Theaterbühne, im Kino und auch im Fernsehen. Bekannt u.a. in der Rolle des Gerichtsmediziners Dr. Robert Kolmaar in der ZDF-Krimiserie “Der letzte Zeuge”. Sein letzter großer Erfolg war die Hauptrolle im Oscar-prämierten Stasi-Drama “Das Leben der Anderen” von Florian Henckel von Donnersmarck.

    Darin spielte er einen Stasi-Offizier, der damit beauftragt wird, einen bekannten DDR-Theaterschriftsteller zu bespitzeln, aber mit der Zeit an dem Spitzelstaat zu zweifeln beginnt. Dieser Film ist am 29. September 2008 um 21 Uhr auf Arte zu erleben.

    Ulrich Mühe und seine Familie waren und sind dem Ort Walbeck und seinen Einwohnern eng verbunden. Der Ausnahmekünstler verbrachte hier seit 2001 jede freie Minute und nahm rege am gesellschaftlichen Leben im Ort teil.

    Rat der Gemeinde Walbeck
    39356 Walbeck
    Bürgermeister

    Martin Herrmann

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