Eine Uraufführungserfahrung – von Rolf Kemnitzer

Ich denke, es wäre ganz gut, hier von Personenkritik und dem ganzen Ligadenken wegzukommen. Das ist total uninteressant für uns. Die Praktikantenstories gibt es zuhauf, Sie werden auch einige erzählen können, Herr Kroll. Aber ich will mit folgendem Text dennoch einmal plastisch machen, wie man sich als Autor bei einer “Uraufführung” fühlen kann:

Vor der Vorstellung: Alle Mitwirkenden schütteln mir die Hand. Dem Autor. Sie lächeln, aber dieses Lächeln ist irgendwie verdächtig. „Jedenfalls habe ich keine Zeile des Textes gestrichen,“ sagt der Regisseur und lächelt ebenfalls. Dieses „jedenfalls“ bleibt mir im Ohr.
Dramatikerkollegen warnten mich. Viele von ihnen gehen schon lange nicht mehr zu ihren Uraufführungen und Premieren, manche empfinden jedes Theater von innen als eine Zumutung und schreiben, nehme ich an, nur noch aus Gewohnheit für die Bühne oder um sich selbst Spaß zu machen.
Im Programmheft sagt der Regisseur etwas vom Text als Spielknetmasse und daß ihn Illusionen auf der Bühne nicht interessierten. Vielleicht ist mein Schreiben für die Bühne auch eine Illusion. An der Bar im Foyer schlucke ich zwei Viertel Wein.
Der Regisseur hat mir ein von ihm geschriebenes Stück geschickt. Über mein Stück stand nichts in dieser Mail. Einige Wochen später traf ich ihn mit einigen seiner Mitarbeiter in meinem Verlag. So ein aufwendiges Treffen ist etwas Besonderes und meiner Lektorin schwante, das Theater wolle mich vorbereiten auf irgendwelche Amputationen an meinem Text. Doch wir wurden beruhigt: Keine Silbe wolle der Regisseur antasten.
„Die Geburt steht bevor“, sagt der Intendant vor dem Zuschauerraum. „Ich habe noch gar keine Schmerzen“, scherze ich. Der Leiter der Theater AG aus meiner ehemaligen Schule taucht auf und spendiert mir noch ein Viertel Wein. Für ihn habe ich mein erstes Stück geschrieben: „Schneewittchen und die sieben Kosmetikerinnen“. Er ist ein Anhänger absoluter Texttreue. Ich keineswegs.
Im Verlag erfuhr ich, daß die gesamte Bühne unter Wasser stehen würde. Warum nicht, dachte ich. Schließlich regnet es in dem Raum, den ich beschrieben habe, durchs Dach. Die Schauspieler würden sich „ausknipsen“ statt abzugehen und seien also alle die ganze Zeit auf der Bühne. So was kommt in den besten Inszenierungen vor, dachte ich. Dieses Treffen verstärkte meinen Optimismus. Mein Stück, in dem es um das Ende des Menschlichen geht, schien in menschlichen Händen.
Das Licht geht aus. Ein Stück beginnt. Ich erkenne meine Dialoge wieder, unter anderem. Zwar werden keine Situationen hergestellt, keine psychologischen Beziehungen entwickelt, keine Charaktere dargestellt, doch stellt die Inszenierung so etwas wie den inneren Raum der Welt dar, in der das Stück spielt. Es geht um die Seele des Textes, nicht aber um seine Gestalt. Die Geschichte, die erzählt wird, kann der Zuschauer nur erahnen.
Ein Jahr habe ich geschrieben, eine Fassung nach der anderen überarbeitet, bin manchmal nachts aufgestanden, um zwei Wörter zu verändern.
Zwei Wochen vor der Premiere fragte ich nach dem Stand der Proben. Der Dramaturg mailte, das Haus arbeite am Rande seiner Belastbarkeit. Immerhin etwas, dachte ich. Die Schauspieler, mailte er weiter, brächten auch eigene biographische Texte ein. Neben den Beziehungen der Stückfiguren würden die Beziehungen der Schauspieler untereinander dargestellt. Er hätte schreiben sollen: statt.
Ich verstehe, daß Psychologie den Regisseur ankotzt. Zuschauer, die etwas verstehen wollen, kotzen ihn an. Ich verstehe ihn gut. Vielleicht ist er mit seiner Inszenierung einen Schritt weiter gegangen als mein Text. Ich zeige darin das Verschwinden des Menschlichen. Bei ihm ist es schon verschwunden. Seine künstlerische Radikalität stellt er über mein traditionelleres Konzept der Menschendarstellung oder sagen wir: der Darstellung von Restmenschen. So etwas scheint ihm banal zu sein. Er setzt eine Art Bewegungscodes dagegen, Wiederholung, Rhytmisierung und symbolische Aktionen. Manchmal ist sein Stil ätzend scharf und macht mir etwas klar über mein eigenes Stück, manchmal wird es banal und langweilig. Ebenso die Abschweifungen der Schauspieler in kabarettistische Nummern: manchmal erhellt das die Figur, die sie sprechen, manchmal möchte man vorspulen.
Ich nehme die Einladung, mich auf der Bühne zu verbeugen nicht an, denn dann hätte ich den Regisseur in seinem Bühnenbild ersäuft. Lieber ersäufe ich mich selbst auf der Premierenfeier. Beerdigungsfeier. Der Intendant sagt, wir hätten ein Werk vom Ausmaß einer griechischen Tragödie gesehen, auch wenn er zu alt sei, um von solchen Stücken etwas zu verstehen. Daß ich mit der Inszenierung Probleme haben könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Er wiederholt immer wieder, daß er zu alt sei, und ich ahne, daß er froh darum ist.
Spät in der Nacht sagt einer der Schauspieler, Marlene Streeruwitz hätte so eine Uraufführung mittendrin unterbrochen, wäre da ein Text von ihr auf diese Weise ins Wasser gefallen. Mit einem Text von Marlene Streeruwitz hätte man das nicht gemacht, sage ich und zweifle auch schon daran.
Ein Zuschauer, der den Text nicht kennt, hätte die Handlung nicht verfolgen können, bemerke ich gegenüber dem Regisseur, der mit mir anstößt. Dieses Verfolgenwollen sei etwas sehr Deutsches, antwortet er. Er ist Schweizer.
Zurück an meinem Schreibtisch habe ich keine Lust, an meinem neuen Text weiterzuschreiben. Dem Gefühl, fremd zu sein in meinem eigenen Leben, das ich mit Schreiben so oft erfolgreich bekämpft habe, kann ich nichts entgegensetzen.
„Es ist alles so sinnlos.“ Wenn ein Mann auf der Bühne diesen Satz sagt, gar wiederholt, ist das peinlich. In meinem Text sagt das ein Baby im Kinderwagen.

11 Reaktionen zu “Eine Uraufführungserfahrung – von Rolf Kemnitzer”

  1. Katharina Schlender

    auch eine Uraufführungserfahrung:
    schon vor Beginn der Proben, traf ich mich ein paar Mal mit der Regisseurin und dem Bühnenbildner und wir begannen uns von Gespräch zu Gespräch immer mehr anzunähern. Wir hörten einander zu, stritten und diskutierten aus. Sie erzählte mir von ihren Ideen, die Inszenierung betreffend und was ich davon halte. – Ob wir in dieselbe Richtung – denken, war die Frage und wir behielten uns die Neugier nach der Antwort bis zur Premiere. Ich sah auf die Bühnenbildskizzen und konnte mir den Raum, den mein Stück betreten wird, vorstellen; und was ich nicht verstand, fragte ich nach. Die Gesprächspartner taten das gleiche mit meinem Text. WIR INTERESSIERTEN UNS. Die Regisseurin las weitere Texte von mir und ich informierte mich über ihre bisherigen Arbeiten. Dann begannen die Proben. Ich war zur Leseprobe eingeladen. Kein Wort war gestrichen. Die Schauspieler und der Dramaturg ließen sich von der Energie der Regie, dem ausgeklügeltem Bühnenbild mitreißen und wenn der Text etwas sperrig wurde und Fragen aufkamen, war ich da und konnte etwas dazu sagen. Ich fuhr zurück nach Berlin und ließ die Truppe mit den Proben allein. Mein Stück darf ohne meine Hilfe laufen lernen. Das möchte ich ihm zumuten. Ab und zu schaute ich mal vorbei, was für Schritte schon gegangen waren. Der erste Durchlauf, zu dem ich auch wieder eingeladen war, machte mir auf die Premiere Lust. Immer wieder, wenn ich vor Ort war, saß ich mit Schauspielern und einigen Technikern im Raucherraum. Wir rauchten und ich hörte mir ihre Probleme zu einzelnen Textpassagen an. Wenn wir wieder aus dem Raum heraus waren, hatten sich manche Fragen schnell in Luft aufgelöst.

    Dann die Premiere. Der Text wurde gespielt. Ich sah ihn lebendig. Die Inszenierung hatte sich auch mit schwierigen Passagen
    auseinandergesetzt und sie nicht feige herausgestrichen. Ich nahm auch gegen den Text laufende Regieintentionen an, sah es als Bereicherung. Denn – wir hatten unsere Antwort gefunden, unsere gemeinsame Richtung – Ich nahm die Einladung zum Applaus gern an und sah in die leuchtenden Augen der Regisseurin. Ich leuchtete zurück. Es ist schön, wenn sich zwei Wellenlängen im Meer Theater begegnen. Und. Wir interessieren uns immer noch für die Arbeit des anderen. Eine Zusammenarbeit weiterhin, nicht ausgeschlossen.

    Aber: Es stimmt wirklich. Viele Dramatikerkollegen graust es eine Inszenierung ihrer Stücke sehen zu müssen, weil es einfach nicht die Stücke sind, die sie geschrieben haben.

    Auch ich hätte hier ein anderes Uraufführungserlebnis aufschreiben können. Ein Stück, an dem ich länger als ein halbes Jahr gearbeitet habe, und das durch Regiehände zur Totgeburt wurde. Eins, wo die Szenen vom Stück scheinbar wahllos vertauscht und gestrichen wurden. Wo Lieder aus dem Stück gestrichen und durch Radiosongs ersetzt wurden. Wo ich nicht zum Applaus nach vorn ging und später an der Bar dem Dramaturgen zu verstehen gab, daß eine Seite ins Programmheft reingelegt werden muß, wo draufsteht – Die Autorin ist mit der Inszenierung nicht einverstanden. Der Text wurde vergewaltigt. – Er hat dies auch getan. Die Regisseurin dieser Arbeit, habe ich nie wieder getroffen. Hier ist eine weitere Zusammenarbeit für mich ausgeschlossen.

    Aber das Meer Theater ist groß. Es wird immer Wellenlängen geben die sich treffen und dann ein gemeinsames Leuchten entsteht. Dies wollte ich mit meinem Beitrag hier hoffnungsfroh berichten.

    Bin gespannt auf weitere.

  2. Martin Baucks

    Lieber Rolf Kemnitzer,

    das finde ich mutig, wie Sie hier Ihre Uraufführungserfahrung ausbreiten. Es hat mich sehr berührt. Ich selber kann mir eine solche Darstellung gar nicht mehr erlauben. Es würde auch in “Ligagequatsche” ausarten, wie Sie es immer auszudrücken pflegen. Aber die Rechnungen, die da bei mir noch offen sind,…nein, dies ist ein so schmerzhafter Vorgang, da muss ich mich vor mir selber schützen. – Wenn ich nur daran denke, dass Frank Kroll ein Stück von mir zweimal als Lektor ablehnte, obwohl sich sogar Herr Tabori als Regisseur der Uraufführung anbot und Herr Kroll das Stück für “zweifelsohne gut geschrieben” hielt, dann wird mir ganz übel und ich muss mit mir kämpfen, vor allem, weil ich Herrn Kroll für einen ausgesprochen symphatischen Menschen halte. Dann die selbe Absage vom Suhrkamp Verlag, der das Stück auch für gut hält, aber Zweifel hat, ob er es am Markt verkaufen kann. Meiner alter Verlag hatte gleich gar nicht reagiert. Dann endlich nimmt es der Fischerverlag an. Woraufhin ich später von meinem alten Verlag zu einem Gespräch gebeten werde, deren Inhalt ich hier zur eigenen Schonung nicht ausbreiten will. – Tabori trägt mir auf das Stück an Herman Beil zu senden, denn er sei am Haus nur Angestellter und könne die letzte Entscheidung nicht treffen. Beil antwortet nie. Herr Tabori, eines meiner wirklich großen Vorbilder verstirbt, meldet sich aber kurz zuvor im März nochmals bei mir, ja, wie vorbildlich, er könne immer noch nichts Genaueres sagen.

    Der Fischerverlag verkauft mein Stück an ein kleines Theater in Kiel als “Try Out”. So wird der Vorschuss, der mir gewährt wurde, für den Verlag wiedererwirtschaftet. Ich willige mit großem Widerstand ein mein Stück dort hin zu verkaufen. Ich tue es aus Vernunftsgründen ? Nein, ich tue es, weil mich mein Verlag darum bittet.

    Dieses kleine Theater meldet sich nie bei mir. Kein Wort, kein Laut, nichts. Nach drei Wochen Probenzeit maile ich dem Leiter dieses Theaters, der immer hin einen Vertrag für fünfzig zugesicherte Vorstellungen unterschrieben hat, und frage ihn, wie die Proben so laufen. Ich bekomme eine lakonische Antwort, gut, er stünde immer noch hinter dem Stück. Ich schüttele innerlich meinen Kopf, erstaune, wundere mich über eine solche Äußerung, kann sie nicht genau einordnen. Ich warte wieder eine Zeit ab und dann rufe ich den Leiter dieses Theaters an. Er ist nervös, aufgeregt, sehr freundlich, versucht sich zu entschuldigen; ich frage mich: Für was ?

    Der Termin der Premiere rückt näher. Ich telefoniere wiederum. Ja, ich könne gerne kommen, aber, ob ich mir das wirklich antuen wolle ? Bei dieser Frage ernüchtere ich komplett. Warum eigentlich nicht, frage ich mich ? Warum erspare ich mir das nicht, wenn schon der Hauptverantwortliche vermutet, ich würde mir etwas antun, wenn ich seine Vorstellung besuche. Er hat mich zu keiner Probe eingeladen. Er hat mich nicht zur Premiere eingeladen. Was treibt er dort mit meinem Stück ? Ich weiß es nicht, und ihn befängt ein großes Unbehagen, wenn er daran denkt, der Autor könnte zu diesem “Try Out” auftauchen. Ich gehe in mich. Soll ich fahren oder nicht. Vom Verlag wird dort niemand erscheinen, da bin ich mir sicher. Ich säße also ganz alleine dort. Niemand an meiner Seite. Der Verlag hatte sich übrigens auch nicht mehr bei mir gemeldet. Ich denke lange nach und lasse mich von meiner Intuition leiten. Da sitzt jemand, der vermutet, dass ich mir etwas antue, wenn ich diese Vorstellung besuche. Will ich das ? Mir etwas antun ? Nein. Ich antworte mir mit einem klaren “Nein”. Ich bleibe zu Hause. Ich sitze an meinem Schreibtisch. Er erscheint mir in diesem Moment der sicherste Ort. Hier ist dieses Stück in nur einer Nacht entstanden, dann habe ich es vier Tage lang korrigiert und es nach Draußen gegeben. Es hat eine kleine Odyssee hinter sich. Aber es kommt nicht mehr zu mir zurück, es erreicht mich nicht mehr. Ich trage es sicher bei mir, als Stück, nicht als Aufführung. Dort soll es bleiben, bei mir. Ich will mir tatsächlich nichts antun und bleibe zu Hause. Ich fühle mich halbwegs wohl mit dieser Entscheidung. Nein, es ist eine gute Entscheidung. Ich möchte nur zu Aufführungen von meinen Stücken gehen, an deren Produktion ich auch mit gleichen Rechten als Autor beteiligt war. Nach der Premiere wiederum keine Reaktion. Ich google die Kritiken von mir aus. Sie sind gut. Ich betrachte die Bilder der Vorstellung im Internet. Sie gefallen mir nicht. Irgendwie bin ich froh nicht dort gewesen zu sein. Ich behalte so meine Stück in guter Erinnerung. Ich behalte meine Begegnung mit Tabori in guter Erinnerung. Seine Äußerung zu dem Stück war so simpel wie schlagend, nach wenigen Minuten der Begegnung. Er fragte mich als erstes, wie es mir ginge. Ich fragte zurück: Heute ? Er sagte: Ja. – Ich denke nach, schaue in die Sonne, die auf uns beide scheint. Wir sitzen uns im Innenhof des BE gegenüber. Jetzt schaut auch er zur Sonne hoch. Einen Moment lang sitzen wir beide so, ganz still. Dann wende ich mich ihm wieder zu. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich bis vor wenigen Sekunden noch seine Hand in den meinen hielt, von der Begrüßung. Ich sage: Heute geht es mir gut. – Immerhin sitze ich meinem Vorbild gegenüber. Er sagt kurz und knapp: Ja, er wolle mein Stück machen. Und fügte leise hinzu: Es sei gut,…sehr gut. Ich bin beeindruckt und bedanke mich tief getroffen. Ich lerne seinen Hund kennen, seine Frau, wir sitzen ein wenig beeinander. Reden über Peymann. Das will ich hier nicht wiedergeben. Reden über seine Aufführung von “Jubiläum” in Bochum, die ich als Student sah, die mich prägte, die ich einmal selbst an den Kammerspielen des DT inszenieren sollte. Dann, nach einer Zeit gehe ich.

    Heute weiß ich, ich möchte nur mit vorbildlichen Künstlern zusammen sitzen. Ich möchte selber ein vorbildlicher Künstler sein. Ich möchte eine Haltung an mir verspüren, die nach Vorne schaut, die sich nicht fürchtet vor der Größe der Aufgabe ein Stück zu schreiben, auch nicht vor dem Scheitern daran. Ja, ich möchte mit Künstlern zusammen sitzen. Intendanten, Dramaturgen, Regisseure und auch Lektoren interessieren mich mittlerweile weniger, außer sie sind auch vorbildliche Künstler oder Menschen. Auch interessiere ich mich nicht mehr für Aufführungen von meinen Stücken zu denen ich eigentlich nicht geladen bin, wo ich eventuell eher störe. Ich denke, ich werde auch in Zukunft nicht zu solchen Aufführungen gehen.

    Herzliche Grüße

    Dein
    Martin Baucks

    P.s.: Ich fürchte mich wirklich diese kleine Geschichte in den Blog zu setzen, aber ich tue es mir jetzt doch an. Ich bin dabei sehr still. Meine Hände sind kalt. Ich bete: Bitte keine virtuellen Tomaten mehr und auch keine Gurken. Jetzt muss ich selber ein wenig lächeln und blogge mich ein.

  3. christoph

    Ist diese Tabori-Story mit dem Stück, das über Nacht entstanden ist, eine Parodie? Ohne Herrn Baucks bewerfen zu wollen sei mal ganz still und mit kalten Händen gefragt, ob er mit seinen uferlosen Kommentaren (fünf der letzten acht) nicht den Blog so ziemlich niederschreibt. Diskussion ist gut, aber es sollte einen Längenunterschied zwischen Beitrag und Kommentar geben.
    Wie beschämend, wenn gute Stücke nicht gemacht werden, sei es von den Verlagen oder den Theatern, aber ich denke, das ist nicht strukturell, das sind Einzelfälle, schlimm genug. Dass Texte in Aufführungen aber durch Unfähigkeit oder mit Absicht vermurkst werden, ist ein strukturelles Problem und hat damit zu tun, dass Regisseure sich für die eigentlichen Autoren halten. Viele Texte zeigen sich aber auch in den Proben als nicht belastbar. Wie geht man dann damit um?

  4. Martin Baucks

    Die Geschichte ist wahr. – Eine weitere Geschichte, wie Christian Stückl mein Stück “Krumme Hunde” in der Uraufführung vorsätzlich und trotz Warnung auf der großen Bühne in Hannover unter der Intendanz Khuon gegen die Wand fuhr, nachdem es als Werkstatt Inszenierung während der Autorentheatertage im Ballhaus erfolgreich lief, erspare ich Ihnen. Man kann sie zum Teil in Theater Heute nachlesen.

    Gruß
    Baucks

  5. fk

    christophs Bitte um konzentrierte Kommentare schließe ich mich dankbar an. – Zum Thema: Im besten Fall sind Autor/in und Verlag frühzeitig in konzeptionelle Überlegungen einer Inszenierung einbezogen. Gerade, wenn es um Uraufführungen geht. Daran hängt aber auch ein ziemlicher Aufwand. (Den man als Verlagsmensch übrigens nur leisten kann, wenn man nicht zuviele Autoren betreut.) Manche Autorinnen und Autoren entscheiden sich bewusst fürs Laissez-faire. Das erspart manchmal Konflikte, muss man sich aber auch leisten können. Wenn Gesprächsangebote abgeblockt werden, stimmt in aller Regel was nicht – und da lohnt es genauer nachzufragen. Insgesamt scheinen mir die krassen Fälle von Uraufführungsbegräbnissen aber seltener zu werden. Das ist sicher auch ein Ergebnis der vehementen Verlegerverbandsarbeit der letzten Jahre auf diesem Schlachtfeld. Das Problem hat sich aus unserer Sicht eher auf Folge-Inszenierungen verlagert. Vielleicht ist das aber auch nur unsere Erfahrung. Gegen eine zurückhaltende Begleitung der Probenarbeit kann niemand etwas haben. Nur so erfährt man rechtzeitig von größeren Eingriffen. Es geht nicht darum, künstlerische Prozesse unter Aufsicht zu stellen. Scheitern ist erlaubt – auf hohem Niveau. Oft haben Hinweise von Autorinnen und Autoren einer schwierigen Probenarbeit noch sinnvolle Drehimpulse geben können. Ein Verlag ist aber auch nur so stark wie die jeweilige Autorenhaltung. Problematisch kann es beispielsweise werden, wenn ein Autor mit seinem Stück unbedingt im Spielplan eines bestimmten Hauses auftauchen will und dafür bereit ist, unseriöse Konditionen zu akzeptieren (minimale Vorstellungszahlen, radikale Striche, Verzicht auf Figuren, Handlungsstränge etc.). Da wäre man dann ziemlich schlecht beraten. Kurz: Dranbleiben, sonst setzts Wunder…

  6. Martin Baucks

    Wenn jemand spielt, ist er auch zugleich Autor seines Spiels. Wenn jemand ein Spiel anleitet als Regisseur schreibt er mit. Und ein Autor der einen Text schreibt, ist auch zugleich eine Vorform von Schauspieler und Regisseur. Es geht nicht nur um Synergieeffekte, die erzielt werden, wenn der Autor vorsichtig, unterstütz von seinem Verlag, Proben begleitet. Es geht auch darum die verschiedenen Berufe wieder auf eine Ebene zu bringen und sie im Probenprozess wieder zusammen zu führen. Es gibt eine gemeinsame Autorenschaft aller Beteiligten, die Ausstatter oder Ausstatterrinnen mit eingeschlossen. Zu der Synergie von Autor, Verlag und Theaterbetrieb sollte ein hohes Maß an Diversifikation aller Beteiligten hinzutreten.

    Herzliche Grüße

    Ihr Baucks

  7. Katharina Schlender

    Jeder ist eine Autorität in seinem Beruf. Doch nicht gleichzeitig der Autor des Theaterabends. Das sehe ich nicht so.

    Der Schauspieler ist nicht Autor seines Spiels. Der Schauspieler schauspielert. Der Regisseur sollte nicht `mitschreiben`. Der Regisseur leitet das Spiel des Schauspielers. Der Ausstatter stattet aus.

    Der Text des Autors ist keine Vorform von Schauspieler und Regisseur. Der Text formt das Spiel und Lenken vom Schauspieler und Regisseur. Nicht anders herum. Der Text ist die Gussform des Theaterabends.

    Es gibt keine gemeinsame Autorenshaft aller Beteiligten. Es gibt den Autorentext. Und es gibt die an einer Inszenierung des Autorentextes Beteiligten.

    Jeder wird von mir in seinem Berufsfeld anerkannt und als Vertreter seines Faches gesehen. Der Autor schreibt den Text. Der Regisseur lenkt den Schauspieler zu seinem Spiel.

    Wenn jemand spielt, ist er nicht zugleich Autor seines Spiels. Für mich ist er ein Spieler, der die Richtung des Regielenkers einschlägt, der den Text des Auto(r)s damit zum fahren bringt.

  8. Martin Baucks

    …aber ich bin doch sehr froh, dass diese beiden grundsätzlich verschiedenen Haltungen hier einmal so deutlich ausgesprochen werden,…da weiß man doch endlich zwischen welchen Polen wir uns bewegen, und wie unterschiedlich man “Neue Dramatik” definieren kann…

  9. fk

    dramablog-Urlaubsanträge werden hier übrigens in dringenden Fällen (akuter Schlafentzug, drohende Blogomanie, Verdacht auf “manipulierte Mitochondrien” etc.) schnell und unbürokratisch bewilligt…

  10. Martin Baucks

    Danke, aber es geht mir sehr gut. Ich gehe zeitig zu Bett und stehe früh auf, um meinen Tag zu beginnen. Ich brauche keinen Urlaub. Und außerdem finde ich die Debatte hier sehr interessant, vor allem wenn sie konzentriert und inhaltlich geführt wird.

  11. Martin Baucks

    …ich habe einen Traum von einer Uraufführung. In den letzten drei Tagen schrieb ich eine Skizze zu einem neuen Stück. Alles ist noch sehr roh. Ich stelle mir vor, ich habe ein kleines Büro in einem Theater. Eventuell sogar einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin. Ich vereinbare ein Treffen mit ein paar Schauspielern/innen und einem Regisseur/in vom Haus, die ich kenne und denen ich vertraue. Ich lasse mir die Skizze, die noch sehr unfertig ist, von den Schauspielern vorlesen, mit allen darin enthaltenen Fehlern. Ich lasse die Fehler bewusst stehen. Denn sie bedeuten etwas für mich. Ich höre ihnen zu, was sie dazu zu sagen haben, gerade zu dem Unfertigen. Welche Sätze sie hinzuerfinden, über was sie sich lustig machen, wo meine Sprache greift, welche Dinge wir auf der Stelle verwerfen. Ich entwickle die Figuren nach ihren Kommentaren weiter, ich entwickle denn Plot an Hand ihrer Hinweise weiter und schaffe so neues Material, zu dem ich wiederum Eigenes hinzufüge, von mir aus. Ich treffe mich mit einem Ausstatter/in des Hauses. Wir entwickeln gemeinsam einen Raum oder mehrere Räume zu dem Stück. Er/Sie baut ein Modell, das ich in meinem Büro aufstellen darf. Die Schauspieler bringen Material aus ihrem Umfeld, Assoziationen, Artikel, Bilder, einfach alles was ihnen einfällt, Kostümvorschläge. Ein Kostümbildner/in entwickelt daraufhin Figurinen, die ich ebenfalls in meinem Arbeitszimmer aufhänge. Ich schreibe weiter. Wir reden über mögliche Titel. Suchen gemeinsam reale Orte auf, von denen der Stoff handelt. Eine Art schreibende und gemeinsame Probenarbeit lange bevor man den Probenraum betritt. Wir tragen alles zusammen, was uns wichtig erscheint. Wir reden über den Abend. Wie er einmal werden soll. Welche Ausstrahlung soll er auf die Zuschauer haben. Wir reden über den Klang, den Geschmack, die Ziele des Abends, seine mögliche Resonanz im Theater, seine Poesie. Ob es ein Drama wird. Was daran komisch ist. Welche Ausdrucksformen man sich noch vorstellen kann. Ein allseitiges Wohlwollen bestimmt unsere Arbeit. So geht das vielleicht ein halbes Jahr. Ich bin festangestellt. Ein Teil des Ensemble. Der Übergang zum Probenraum entwickelt sich ganz natürlich, organisch. Ebenso die Übertragung auf die Bühne. Am Ende steht ein Abend, den wir alle so gewollt haben…

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