Hausautorenschaft: Bericht über einen Glücksfall

(fk) Die Produktion: eine Uraufführung am Theater Freiburg am 20.1.2008. Das Werk: “Kaspar Häuser Meer”, ein Auftragswerk von Felicia Zeller. – Es kommt ja eher selten vor, dass sich ein Theater ein zweites Mal für eine Zusammenarbeit mit einer bestimmten Autorin (oder einem bestimmten Autor) entscheidet, zumal, wenn die erste gemeinsame Produktion (Zellers “Einfach nur Erfolg”, uraufgeführt im Oktober 2005) nicht ohne Probleme zustandekam und sich zwischen beiden Projekten unterdessen ein Intendantinnenwechsel vollzogen hat. Hier ist also von einem Ausnahmefall zu berichten: Im Frühjahr 2007 treten der Freiburger Dramaturg Josef Mackert und die neue Freiburger Intendantin Barbara Mundel an Felicia Zeller mit der Bitte heran, dem Theater erneut ein Stück zu schreiben – über das schwierige Thema der immer häufiger öffentlich werdenden Fälle von Kindesmißhandlungen in Familien. Theater und Autorin einigen sich schnell auf einen Modus der Zusammenarbeit und einen Wunschregisseur (Marcus Lobbes) – dies schon ein eher ungewöhnlicher Umstand. Die Autorin beginnt mit der Recherche und entwickelt im nächsten halben Jahr eine erste Fassung, die sich – jenseits täglicher Sensationsberichterstattung über konkrete Einzelfälle – mit den auf den ersten Blick undramatischen Arbeitsstrukturen in der Sozialverwaltung beschäftigt. Im Herbst ‘08 ist eine erste Stückfassung fertig. Im Zentrum des flächigen, komplexen Textmaterials stehen nun drei Sozialarbeiterinnen in ihrem tragischen Konflikt zwischen eigenem Anspruch und verordneter Überforderung. Darauf beginnt dann eine intensive Phase der weiteren Textarbeit in enger Absprache zwischen Dramaturg und Autorin, die sich bis in die Probenzeit fortsetzt. Das Theater setzt die Produktion im “Kleinen Haus” (mit über 300 Plätzen) an und unterstreicht auch damit den Stellenwert der Inszenierung. Bis zu den letzten Probentagen ist die Autorin in alle wesentlichen Fragen der Stückentwicklung und der Inszenierungsweise mit einbezogen. Herausgekommen, nur soviel sei hier inhaltlich verraten, ist nun ein konzentrierter, provokanter und temporeicher Theaterabend, der seinesgleichen sucht, wie ich finde. Die drei Schauspielerinnen (Bettina Grahs, Britta Hammelstein, Rebecca Klingenberg) verkörpern die Widerspruchsmaschinerie des überformten Zeller-Textes auf eine existentielle Weise. Sie bewegen sich tänzerisch in Zellers verdichteter Alltagssprachpartitur. Jenseits ideologischer Schuldzuweisungen und bloß karikaturhafter Auseinandersetzungen entwirft der inszenatorisch entschiedene, kluge und mitunter auch sehr komische Abend das Bild eines Systems, das Vernachlässigung gerade auch bei denen produziert, die als Gesellschaftshelfer im Job verbrannt werden. – Über die Qualität des Abends sollen Publikum und Kritik befinden. Hinsichtlich der professionellen Zusammenarbeit zwischen Theater und Autorin kann man sich nur wünschen, dass solche Glücksfälle zum Regelfall werden.

http://www.theaterfreiburg.de

Eine Reaktion zu “Hausautorenschaft: Bericht über einen Glücksfall”

  1. Katharina Schlender

    Sowas ist schön zu hören! Kontinuierliche Zusammenarbeit von Theater und Autor und ein Einlassen auf den Text. Es ist selten, aber es passiert und es ist schön das zu wissen.

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