Autoren, Autorenförderung, Autorenlabor – von Thomas Jonigk

Autoren      Zu allen Zeiten sahen sich Autoren in Bezug auf ihre Berufsausübung Schwierigkeiten ausgesetzt: von der Nicht-Anerkennung über Diffamierung bis hin zur Freiheitsberaubung. Das lässt sich auch an Künstlern wie Friedrich Schiller, Heinrich von Kleist, Herman Melville, Salman Rushdie oder Elfriede Jelinek festmachen, die uns heute als klassisch, akzeptiert und im besten Sinne etabliert erscheinen.

Gegenwärtig – und ab jetzt möchte ich mich nur noch auf Theaterautoren beziehen – werden weit pragmatischere Steine in den Berufsweg des Schreibenden gelegt. Rufmord, öffentliche Bloßstellung, Duelle, Gefängnis: Das sind – Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel – Vokabeln von gestern. Jetzt heißt die Devise: undurchdachtes Weitermachen. Autoren müssen nicht am Schreiben gehindert, aber natürlich auch nicht gefördert werden. Denn in einer Verwertungsgesellschaft interessiert nicht die Basis, das Fundament des Herzustellenden, sondern das greif- und sichtbare Resultat. Und das ist im Theater die Aufführung. Folgerichtig stehen im Zentrum des verwertbaren Interesses einzelne (Star-) Schauspieler sowie der Regisseur als postmoderner Dekorateur unterschiedlichster (meist klassischer) Textreste.

Das ist polemisch. Und doch nicht unüblich. Autorenschaft hat ihren Sexappeal eingebüßt, der Gegenwartsautor ist in seinem Anspruch auf einen in sich geschlossenen Text per se altmodisch und fügt sich nicht in das momentan Moderne, das sich – ganz im Sinne Baudrillards – kurz zusammenfassen lässt: Immer größer werdende Effekte verschleiern, dass es keine Ereignisse mehr gibt.

Autorenförderung

Autoren werden nicht genügend gefördert. Daran ändern auch verschiedenste, oft zitierte Initiativen, Preise, Stipendien, Studiengänge oder Uraufführungen wenig. Denn die beste Förderung ist das Nachspiel, das nicht hinreichend stattfindet. Eine steigende Zahl von Uraufführungen bedeutet kein wachsendes Interesse an Gegenwartsdramatik (und an Gegenwartsautoren schon gar nicht). Sie steht vielmehr im Zeichen oben genannter Effekthascherei und ängstlicher Anbiederung an das Feuilleton. Diese wiederum ist für die Theater, wenn sie nicht in der totalen überregionalen Vergessenheit versinken wollen, notwendig. Da der Dramatiker aber nur verdient, wenn er gespielt wird, sieht er sich um seine potentielle Haupteinnahmequelle betrogen. Und somit auch um die Ausübung eines – mindestens seit Jean Paul – möglichen Berufes.

Der Autor als Opfer ist allerdings eine Aussicht, von der ich mich (als Autor) instinktiv weg wende. Nicht Wenige, die sich lautstark und wortlastig über Aufmerksamkeitsdefizit und ausbleibende Aufführungen beklagen, sind nicht gut genug, um gespielt und – wie oft gefordert – mit regelmäßigen Zahlungen bedacht zu werden. Das ist keine geschmäcklerische Aussage, sondern eine bedauernde: Viele Texte bewegen sich im Niemandsland referenz- und risikoloser Subjektivität und ich-bezogener Belanglosigkeit von sprachlich geringer Wiedererkennung: oft zu gut gemeint und schlecht ausgeführt.

Aber auch die guten, aufregenden Autoren werden nicht (nach-)gespielt: insofern scheint Qualität nicht das Kriterium für die Stückauswahl eines Theaters zu sein. Selbstverständlich bin ich dafür, die Spielpläne mit Gegenwartsdramatik zu spicken. Dass auf den so genannten Großen Bühnen aber Shakespeare, Schiller, Ibsen, Dürrenmatt und so weiter gegeben werden, ist nicht Bosheit, sondern Not. Nur wenige aktuelle Texte haben das Gewicht, in die fünfundzwanzigste Reihe oder den dritten Rang vorzudringen. Das wiederum kann heutigen Autoren nicht zum Vorwurf gemacht werden. In einer Zeit, der Tabu, Gesetz, Moral, Gemeinschaftssinn, Absicht, Stoßrichtung sowie jegliche Dramentheorie (und damit auch jegliche Klarheit über die Funktion des Theaters überhaupt) abhanden kommt, kann ein Text nur schwerlich vollen Orchesterklang anbieten: Er ist zur (ebenfalls wohlklingenden) Kammermusik verdammt. Die sentimentale Sehnsucht danach ist aber da: Nicht umsonst greifen Bearbeitungen von Romanklassikern und Filmen um sich, die dann wieder als Uraufführungen vermarktet werden können.

Autorenförderung ist deshalb notwendig, weil Theater ohne Autoren, ohne Gegenwart langfristig nicht möglich ist: Auch Shakespeare war einst lebendig. Was aber ist zu tun? Ist Schreiben erlernbar? Bringt Fleiß weiter? Ich bezweifle das, wenngleich Disziplin (gekoppelt mit Handwerk) absolut notwendiges Rüstzeug für den beruflichen Alltag des Theaterautors darstellt. Und davon ist manches vermittel- und lernbar. Aber Talent, Imagination, Unverschämtheit, Subtilität und Individualität sind jenseits des schulischen Ermessens. Das Schreiben von Gebrauchsstücken ist lernbar. In den USA oder Israel beispielsweise sind diese „Well-Made-Plays“ vom Publikum akzeptiert. Das liegt natürlich u. a. daran, dass es dort keinen vergleichbaren literarischen Kanon gibt wie in vielen europäischen Ländern, wo man dererlei Dramen bestenfalls von Tournee- oder Boulevardtheatern präsentiert bekommt.

Autorenlabor

Wie also fördern? Das Düsseldorfer Autorenlabor ist eine weitere Initiave, gespeist von der Absicht, jungen Theaterautoren Gutes zu tun. Seit der Spielzeit 06/07 widmet sich das Düsseldorfer Schauspielhaus in dieser Form verstärkt der kontinuierlichen Förderung junger Autorinnen und Autoren. Das von mir geleitete und konzipierte Projekt ist in seiner Form einzigartig im deutschsprachigen Raum, denn jenseits von szenischen Lesungen oder Aufführungen mit „Werkstattcharakter“, bieten wir nicht nur die Uraufführung eines Theaterstücks auf einer der Bühnen des Düsseldorfer Schauspielhauses, sondern den Autoren auch finanzielle Unterstützung.

Die fünf ausgewählten Teilnehmer des Autorenlabors treffen sich für die Dauer einer Spielzeit einmal pro Monat jeweils drei Tage mit mir in Düsseldorf. Darüber hinaus besteht keine Residenzpflicht. Im Rahmen der regelmäßigen Begegnung haben die Teilnehmer die Möglichkeit, den (Düsseldorfer) Theaterbetrieb kennen zu lernen, Proben und Vorstellungen zu besuchen oder Gespräche mit Schauspielern, Regisseuren, Dramaturgen und der Theaterleitung zu führen. Parallel dazu werden sie in der Entwicklung und Entstehung eines Theaterstücks bis hin zu Feinlektoraten unterstützt und begleitet.

Am Ende der Spielzeit werden die fünf entstandenen Texte vor Publikum und Presse in Lesungen vorgestellt. Die Lesungen sind nicht szenisch, damit nicht die Regie, sondern der Text in seiner rohen Form – und somit der Autor – im Zentrum steht. Eines der Stücke wird von der Theaterleitung, einer Schauspielerjury und dem Publikum ausgewählt und in der folgenden Spielzeit in Düsseldorf uraufgeführt.

Die erste Generation (John Birke, Paul Brodowsky, Juliane Kann, Dirk Laucke, Nora Mansmann) wurde von der zweiten (Carsten Brandau, Thomas Melle, Tina Müller, Katharina Schmidt, Stephan Seidel) abgelöst: der Bewerbungszeitraum für das dritte Jahr läuft. Bislang sehr erfolgreich, wenn den Aussagen der Teilnehmer und den bisher von ihnen verfassten Texten sowie meiner eigenen Einschätzung zu trauen ist. Mir war und ist wichtig, die Produktionsweise der Autoren zu optimieren und den ihnen eigenen Selbstausdruck zu stärken. Vor allem aber, sie auf die harte Realität des Berufs „Theaterautor“ hinzuweisen, nichts zu beschönigen – und doch Mut zu machen. Junge Kreative um ihre Unverzichtbarkeit als Autor, als Quelle theatralen Schaffens, wissen zu lassen. Ihre kritische Selbsteinschätzung und gleichzeitig ihr Rückgrat zu stärken. Größenwahn ebenso wie Minderwert durch Selbstwertgefühl im Bewusstsein der gegebenen (Theater-)Realiät zu ersetzen. Das Interesse ist inhaltlich. Und das halte ich – wenngleich selbstverständlich – für ungewöhnlich.

Denn bei aller Diskussion über Autorenförderung bin ich mir nie so recht im Klaren, ob Theaterverlage nicht nur deshalb mehr Aufführungen und somit mehr Geld für Autoren einfordern, weil sie um das Überleben ihres Verlages fürchten. Theaterleitungen nur deshalb neue Texte ansetzen, weil sie einen allgemein kulturellen Außendruck verspüren. Theaterautoren nur deshalb Stücke schreiben, weil es mit der Filmkarriere oder der Erbschaft leider nicht wie erwartet geklappt hat und ein Nine to Five Job unter ihrer Würde ist.

Wahr, oder nicht. Der ganze Betrieb kreist geschäftig um sich selbst und braucht sein Publikum scheinbar nur noch aufgrund von Auslastungszahlen und Einnahmen, nicht aber, um es zu unterhalten oder ihm etwas mitzuteilen: Man überhebt sich ja gerne über die Wenigen, die es noch in den Zuschauerraum geschafft haben. Und Spielpläne werden offenbar nur noch erstellt, weil es gilt (nicht anders als in einer Bank oder Versicherungsanstalt), einen Betrieb bzw. eine GmbH und daran hängende Arbeitsplätze zu erhalten. Und währenddessen sucht man verzweifelt nach Autoren, um sie für die inhaltliche Misere verantwortlich zu machen, die sich mehr und mehr ausbreitet. Es herrscht ein allgemeiner Schrei nach Stücken, die besser sind als der restliche Betrieb.

Die gibt es natürlich nicht. Die kann es nicht geben. Das spricht nicht gegen Autoren. Und auch nicht gegen Autorenförderung. Allerdings scheint mir, dass nicht nur Autoren, sondern auch Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen, Verleger und Intendanten gefördert gehören. Natürlich nicht materiell. Ich stelle mir eher eine Art inhaltlichen Trainings vor, nachdem man in der Lage ist zu sagen, warum man Theater macht. Und das umzusetzen, was man sich vorgenommen hat.

Das ist in keinem Workshop zu schaffen, ist vielmehr eine Lebensaufgabe.

Und die Zeit sollte man auch jedem jetzt lebenden Theaterautor geben.

(Thomas Jonigk ist Autor, Dramaturg und leitet das Autorenlabor am Düsseldorfer Schauspielhaus.)

http://www.duesseldorfer-schauspielhaus.de/theater/extras/autorenlabor

35 Reaktionen zu “Autoren, Autorenförderung, Autorenlabor – von Thomas Jonigk”

  1. Anna Praktikant

    Der Artikel läßt tief blicken, wie es ums Theater bestellt ist, wenn selbst einer der Verantwortlichen sich so äußert. Bleibt dieser herablassende Ton gegenüber “nicht wenigen” Autoren zu bemängeln, “die sich lautstark äußern”. Aber diese Herablassung kommt wohl aus der Gewohnheit der Macht. Jene Autoren, die den Mund aufmachen, fordern Autorenförderung ja nicht unbedingt für sich ein. In dieser egomanen Gesellschaft kann sich wohl kaum einer vorstellen, daß man für ein besseres Theater eintreten kann ohne sich selbst der Nächste zu sein. (- off topic -)

  2. Martin Baucks

    (- off topic -)

  3. fk

    Bitte themenbezogen kommentieren. (Gekürzte oder gestrichene Beiträge werden mit dem Hinweis – off topic – versehen).

    Thomas Jonigk schreibt u.a. über die Verschiebung der Autorenschaft im Theater, er schreibt aus seiner Sicht und Leseerfahrung über die Qualität heutzutage geschriebener Stücke, er beschreibt nicht ohne Selbstkritik die Betriebsblindheit der Akteure im Theatersystem und – auf meine Anregung hin – schreibt er auch über das Konzept des relativ neuen Düsseldorfer “Autorenlabors”. Ziemlich viel Stoff für eine Auseinandersetzung, finde ich.

  4. P.D.

    Alle Probleme, die hier und an anderer Stelle genannt werden, hängen mit einem grundsätzlichen Problem zusammen: der mangelnden Wertschätzung. Theaterleute, die nicht Dramatiker sind, schätzen die Dramatiker und deren Arbeit nicht. Das kann man, glaube ich, allgemein so sagen. Es gibt viele, viele Ausnahmen, ich weiß. Und wenn ein einzelner darüber nachdenkt, wird er auch vermutlich selbstkritisch feststellen, dass er selbst ja die Dramatiker eigentlich schätzt und die Sache der Dramatiker eigentlich gerne unterstützt und versteht und so weiter. Aber: mangelnde Wertschätzung äußert sich nunmal nicht in Blogs, sondern in Verhalten. Und auch die gutgemeinten Förderversuche sprechen eher gegen als für eine Wertschätzung der Dramatiker. In einigen Kommentaren ist das Thema ja auch schon angesprochen worden. Ich will das nicht vertiefen, sondern fragen, woher die mangelnde Wertschätzung kommt. Zunächst einmal, weil sie einfach berechtigt ist. Was ist ein Dramatiker? Jeder, der sich so nennt. Ein Arzt hat wenigstens zahlreiche Leichen aufgeschnitten, fällt nicht gleich in Ohnmacht, wenn er Blut sieht, da weiß man, was man hat. Ein Dramatiker ist zunächst einmal nur der Wunsch, etwas zu schreiben, was dann am Theater gespielt wird. Dramatiker müssen nichts vorweisen, keine Prüfungen bestehen – zum Glück. Dramatiker sind deshalb zum größten Teil unverschämte, sich selbst überschätzende Personen, die Theater und Verlage mit Texten bombardieren, die nichts wert sind. Sie können nichts, sie haben nichts erlebt, sie nehmen das Privileg eines Autors in Anspruch, also eines Menschen, der in seinem Beruf selbstbestimmt lebt – ein kaum zu unterschätzendes Privileg – und sind nicht einmal bereit den Preis für die Freiheit zu bezahlen, nämlich die soziale Nicht-Absicherung. Sobald sie ein bisschen Erfolg haben, hüpfen sie gleich auf den nächsten freien Dramaturgenposten, endlich ein richtiger Job am Theater. Es gibt viele, viele Ausnahmen, ich weiß. Es ist auch nur ein allgemeines Bild, was ich hier zeichne und nicht einmal eines, das ich mit statistischen Zahlen untermauern könnte, also sehr viel Spekulation – oder sagen wir mal, ein bisschen Erfahrung. Die Erfahrung machen natürlich in erster Linie die Leute, die in den Verlagen sitzen oder in den Theatern, die Dramaturgen. Und wenn sie nicht gleich mit einem Kübel Gülle überschüttet werden wollen, schweigen sie auch lieber darüber in Blogs wie diesem und schmeicheln mit Vorschlägen zur Autorenförderung. Autorenförderung ist nichts als ein weiterer Ausdruck mangelnder Wertschätzung, denn gute Dramatiker werden ohnehin gespielt und nachgespielt. Talente zu erkennen und zu fördern wäre ebenfalls Aufgabe von Theatern oder Verlagen. Aus dem Dilemma, dass eine Auswahl stattfindet, gibt es ohnehin keinen Ausweg. Man kann das Dilemma verlagern, von den Verlagen zu den Festivals oder Werkstätten und meinetwegen auch zu den Dramatikern selbst, wenn es denn mal ein Uraufführungstheater geben sollte, wie Martin Baucks anregt. Dann sitzen eben die (privilegierten) Dramatiker über die (nichtprivilegierten) zu Tisch und entscheiden. Oder man senkt die Aufführungshürden so tief, dass nahezu jeder Text seine Chance bekommt. Dann kann das Publikum den Daumen heben oder senken. Das kann man dann wahlweise Demokratie oder Kapitalismus nennen. Jeder kann sich vorstellen, welche Auswirkungen es auf die Textproduktion hätte, wenn die Sitzplatzausnutzung alleiniges Kriterium wäre. Es tut mir leid, wenn ich auch keine Lösung weiß, außer der, dass man als Dramatiker vielleicht einen Freund unter den Theaterleuten finden muss, einen Förderer, einen, der daran glaubt, was du machst, der auch das nicht-perfekte an dir bzw. deinen Texten liebt, weil … weil er es vielleicht noch nicht verstanden hat, weil es so sein muss, weil es auch so Kraft hat, einen, der dich nicht mit eigenen Theorien, eigener Ästhetik belästigt, sondern dich deine eigene Theorie entwickeln lässt. Denn eine Theorie, eine Ästhetik, einen eigenen Ton, einen eigenen Stil, eine eigene Kraft, kann man als Dramatiker schon gebrauchen. Dramaturgen, Lektoren und Kritiker aber haben in erster Linie die Aufgabe, zu erkennen und zu beurteilen, zu erkennen, ob in einem Text so etwas steckt und zu beurteilen, ob sie den Text in irgendeiner Form für relevant halten. Ersteres wäre die Pflicht, zweiteres die Kür, also – Dilemma – eine sehr subjektive Sache. Ich halte nichts von theoretisierenden Dramaturgen, in welche ästhetische Richtung auch immer ihre Theorien gehen. Selbst, wenn ich ihnen in ihrer Ästhetik zustimmen würde. Weniger fordern und mehr beurteilen sollten sie. (Oder Dramatiker werden – dann können sie ihre Theorien ja umsetzen) Dramatiker, die versuchen, schreibend, ästhetische Forderungen zu erfüllen, die nicht ihre eigenen sind, werden niemals etwas Gescheites schreiben. Wer die guten, die überragenden, die bedeutenden, die bewegenden, die relevanten Theaterstücke will, der sollte auch entgegen aller Erfahrungen die Dramatiker wertschätzen und daran glauben, dass es die Dramatiker gibt, die dazu in der Lage sind und an sich selbst glauben, dass er sie, lesend, erkennt.

  5. ks

    Ich finde auch, dass der Themenkomplex: Wer schreibt wie heute und warum? interessant ist. Die Symptome pulsieren auf voller Bandbreite, zwischen zwei Polen, konkret benannt zum Beispiel: Befangen – Frei.
    Aus eigener Erfahrung sage ich, dass mein Wunsch nach Freiheit dann am größten war, als die Befangenheit am stärksten in mir existierte. Das Gegenteil kann ich nicht mit Sicherheit bestätigen.
    Die Zahl der Bewerber scheint größer als die Anzahl der zu vergebenden Plätze. Ich frage mich, wofür will ich mich eigentlich bewerben? Ich glaube, es gibt Platz für jeden. Wenn alle allerdings nach dem 1. Platz streben, wird es viele enttäuschte Verlierer geben. Unter die ersten sieben können sieben kommen. Usw. . .
    Gibt es Genug Geld in der Welt, dass alle davon satt werden? genug Essen gibt es sicherlich, an manchen Orten zu glücklichen Zeitpunkten auch umsonst (etwa in der Kantine des Düsseldorfer Schauspielhauses, wenn die Köchin sich verkocht hat). Ich weiss die freien Stellen auf Stipendiumsplätze nicht aus dem Kopf, schätze sie monatlich drei. Im deutschsprachigen Raum? Weltweit? Wer kann in welcher Sprache schreiben?
    Ich finde es sinnvoll, sich über die eigenen Fähigkeiten Gedanken zu machen und dabei die Freiheit der Möglichkeiten einzubeziehen. Vielleicht die schwerste Frage innerhalb eines Identitätsfindungsprozesses: Was mache ich gerne? Wer sich für seine Vorlieben schämt, kann sie nicht entdecken. Ich mag das Internet, habe es allerdings lange vor mir geheim gehalten. Auch weil Impulse von Aussen meine Angst bestätigt haben, dass 8 Stunden Internet täglich wohl zu viel sind. Fragen Sie das nächste Mal einen Online-Verkaufsagenten. Sie bekommen die Antowrten, die die um rat aufgesuchten befähigt sind zu erteilen.
    Für die konkreta Frei und Befangen setze ich jetzt Schwierig und Leicht ein. Wer sich nach Leichtheit sehnt, findet sie unter Umständen nach der Schwere. Damit will ich niemandem raten, sich zehn Kilo schwere betonsocken anzuziehen und den freien Fall von einer Brücke hinab auszuprobieren. Perspektivisch wäre die dadurch erlangte Leichtigkeit nicht lebenswert oder tragbar. Was weiss ich, vielleicht ja doch.
    Ich schreibe zwischen den Zeilen über Suizidalität. Auch mein Vorschreiber P.D. bringt therapeutische Begriffe ins Spiel. Kein Zufall, scheint mir, wie auch die inhaltliche Struktur dieses Blogs zeigt. Man bezieht sich stark aufeinander, ohne sich sachlich auseinandezusetzen. Man dreht sich im Kriese, sich selbst als Fixstern annehmend und sieht die Sonne nicht. Muss man ja auch nicht, aber schön und warm ist sie doch. Und nicht wegzureden.
    Ich schicke den Text jetzt ab, auf die gefahr hin, jemanden verletzt, beleidigt, ausgebuht zu haben. Ich gebe mir Mühe, alle hier zu respektieren und ein Gespräch auf den Weg zu bringen, schaffe es jedoch oft nicht, die Texte der anderen intensiv zu lesen.
    Grüße aus dem Internetcafe
    KS

  6. Rolf Kemnitzer

    Ja, die mangelnde Wertschätzung von Autoren ist tatsächlich das zentrale Problem im Umgang mit neuer Dramatik. Alle anderen Probleme folgen daraus. Die mangelnde Bezahlung, die mangelhafte Sorgfältigkeit bei der Umsetzung, das schnellebige Gehype usw.
    Mich stimmt diese Förderungswut, die derzeit herrscht, ganz optimistisch. Nicht was mein eigenes Konto angeht (ich habe geerbt), sondern was die künftige zeitgenössische Dramatik und damit den Wert des Theaters betrifft. Ich finde was Herr Jonigk mit dem Autorenlabor macht großartig, auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ob die erwählten Autoren nicht lieber nur das Geld hätten, ohne Pflichtveranstaltungen zur Heilung ihres Größenwahns.
    Denn Autoren sind Tunichtguts, zu einer geregelten Arbeit unfähig, und je schlechter sie sind, desto lauter schreien sie nach Geld und Privilegien. Auf diesen verdammten Haufen richtet sich zurecht die Hoffnung der Dramaturgen.

  7. P.D.

    Die mangelnde Wertschätzung ist die Ursache, das zentrale Problem scheint mir das Geld zu sein. Nicht ohne Grund wurde der Blog von einem Verlag initiiert, also von Menschen, deren Einkommen von der Bezahlung für neue (urheberrechtlich geschützte) Dramatik direkt abhängt. Nun kann man im Gegensatz zu einem einzelnen Autoren einem Verlag wie Henschel wohl kaum vorwerfen, er solle doch bitte bessere Stücke anbieten, wenn er mehr Geld verdienen wolle. Wenn Thomas Jonigk bemerkt, er sei nicht sicher „ob Theaterverlage nicht nur deshalb mehr Aufführungen und somit mehr Geld für Autoren einfordern, weil sie um das Überleben ihres Verlages fürchten“, dann sollte man aufhorchen. Auch wenn es vielleicht nicht so gemeint war, wenn die Idee aufkommt, dass Theaterverlage um ihre Existenz fürchten, kann es schlimmer wohl kaum um die Bezahlung von neuer Dramatik stehen. Wohl würde man mangelnde Wertschätzung als Autor in kauf nehmen, wenn man wenigstens gut bezahlt würde, doch das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Dass Autoren schlecht bezahlt werden hat noch einen zweiten Grund: Den Theatern mangelt es an sozialer Verantwortung. Woher auch, kann doch jeder einen Text schreiben und sich Dramatiker nennen. Theater kennen sehr wohl eine soziale Verantwortung, wenn es um ihre Mitarbeiter geht, doch ein Dramatiker ist kein Mitarbeiter. In dem Moment, wo ein Theater sich für einen Text entscheidet, sollte die Wertschätzung einsetzen und damit auch eine Bezahlung, die dem gerecht wird, was der Autor zur Inszenierung beigetragen hat. (warum nicht zugeben: das meiste?) Die gerechte, angemessene Bezahlung ist ein schwieriges Problem und hängt mit Art der Bezahlung – Tantiemen – ab, denn wenn das Theater betriebswirtschaftlich denkt, wird es den Schwarzen Peter weiter geben und sich aus der Verantwortung stehlen. „Wenn die anderen nachspielen…“ Das Theater rechnet den möglichen Verdienst bei Erfolg hoch, statt den Beitrag zur Inszenierung zu honorieren. Nicht angemessene Bezahlung setzt immer einen Kreislauf in Gang. Wieviele Stücke muss ein Dramatiker denn im Jahr schreiben, um über die Runden zu kommen? Fehlt die Zeit, geht das zu Lasten der Qualität. Mittelmäßige Stücke werden nicht nachgespielt usw. usw.

  8. Rolf Kemnitzer

    Sehr richtig, P.D.! Dazu kommt die Mutlosigkeit in vielen Dramaturgien. Gestern habe ich eine Lektorin getroffen, die meinte: “Gute Stücke werden oft nicht gespielt.” Auch Herr Jonigk sagt ja: “Qualität scheint nicht das Auswahlkriterium für ein Theater.” Was denn sonst? Die Lektorin dazu weiter: “Es ist sehr sehr schwer, Dramaturgen dazu zu bringen, ein Stück überhaupt nur zu lesen, das nicht schon durch einen Preis, Publikation in Theater Heute o.ä. geweiht ist. Die gucken, was spielen die anderen und ziehen dann gern nach. Es gibt kaum eigenständige Entscheidungen. Die Dramaturgen suchen händeringend nach einem tollen Stück für die große Bühne, aber die Stücke von weniger bekannten Autoren mit großer Besetzung dann aufzuführen, dazu fehlt der Mut, wenn nicht wie bei `Verbrennungen`schon viele Bühnen sich dafür entschieden haben. Also schreibt kaum einer mit großer Besetzung.”
    Zur “Überlebensangst” der Verlage möchte ich anmerken, daß der “Verlag der Autoren” z.B. meines Wissens mit dem Theater ein Minusgeschäft macht, das nur durch die immer größer werdende Medienabteilung ausgeglichen werden kann.

  9. fk

    Die Mischung macht es. Die “Bestseller” finanzieren die Breite des Programmes. In der Buchbranche kippt dieses alte System der Querfinanzierung gerade (das hängt am Bestand der Buchpreisbindung, in der Schweiz ist sie schon futsch), bei den Theaterverlagen funktioniert es noch. Meines Wissens ist es bei den allermeisten deutschsprachigen Theaterverlagen so, dass die Bemühungen um neue deutsch- und fremdsprachige Dramatik mit Einnahmen aus anderen Bereichen (Klassiker-Neuübersetzungen, Serienerfolgsstücke, Boulevardstücke, musikdramatische Werke, vielgespielte Stücke der klassischen Moderne etc.) oder mit Einnahmen aus anderen Programmbereichen (Buch, Medien) querfinanziert werden. Mit Neuer Dramatik allein wäre ein Verlag heutzutage vermutlich noch immer kaum überlebensfähig. Man “leistet” sich in den Verlagen also Gegenwartsdramatik eher, als dass man davon wirtschaftlich abhängig wäre. Es gibt mitunter gute Gründe, sich auch für (äußerlich) erfolglos bleibende Stücke einzusetzen.

  10. Martin Baucks

    Lieber fk,

    noch immer komme ich mit dem Beitrag von Herrn Jonigk nicht klar, trotz aller abendlicher Mühe. Ich sehe da in D´dorf kein “neues Modell”. – Ich verstehe, dass Sie meinen Beitrag als eine Art “Überreaktion” streichen, und muss mich eigentlich dafür bedanken. Sie schützen mich vor mir selbst. Dank dafür.

    Aber warum gibt sich ein fähiger Autor eigentlich dafür her ein Autorenlabor zu leiten ? Und schaut dann noch auf sogenannte Gescheiterte herab, die ihr Erbe oder ihre Filmkarriere vermasselt haben sollen, und deshalb sich ausgerechnet dem Beruf des Dramatikers zugewandt hätten, einer brotlosen Kunst. Wen meint Herr Jonigk da konkret ? – Ich finde solche Äußerungen sehr unglaubwürdig, und ich schrecke vor Ihnen zurück. Ja, da kommt Ekel in mir hoch.

    Und Herr Jonigk unterläuft doch die größe des Problems. Verantwortliche, Intendanten oder Intendantinnen müssen sich für einen oder mehrere Dramatiker oder Dramtikerinnen entscheiden, und nicht ihren Spielplan mit zeitgenössichen Autoren spicken. Diese Künstler müssen Sie dann unter den bestmöglichen Bedingungen herausbringen, an sie glauben, das volle Risiko eingehen, und sie behandeln, wie einen “lebenden Shakespear” auch wenn das übertrieben klingt, und mit ihnen erfolgreich sein oder untergehen. Vielleicht wird dann auch wieder spürbar, wo die heutigen Tabus und Moralitäten auffindbar sind. Intendanten sollten Autoren nicht wertschätzen, sondern von Ihnen überzeugt sein, und sie deshalb spielen wollen, für sie einstehen, im vollem Umfang, dann bräuchte man auch kein Uraufführungstheater. Es sind die Entscheidungsträger und -trägerinnen, die sich zu einem Autor oder einer Autorin positionieren müssen. – Am Rande erwähnt, dies traue ich der Intendantin von D´dorf, die ich in anderen Zusammenhängen kennenlernen durfte nicht wirklich zu.

    Ja, die Entscheidungsträger und -trägerinnen müssten sich sogar dann für einen Künstler oder eine Künstlerin entscheiden, wenn sie ihnen nicht gefallen würden, vorausgesetzt sie haben ihre Relevanz als stark genug erkannt. Es gibt diese Künstler ganz sicher, und man kann sie ganz ohne “Querfinanzierung” produzieren. Nein, es ist sogar die Pflicht eines Subventionsbetriebes, diese Künstler aufzufinden, ganz ohne Nebenschauplätze, wie Autorenlabore oder Autorentage und und und…

    Ich habe solche Entscheidungsprozesse miterlebt am DT, und da hat Herr Jonigk leider recht, es waren fast ausnahmlos fehlgelenkte Vorgänge, bei denen es nicht um die Findung relevanter Kunstwerke ging, sondern um “Machbares”, “Verkäufliches”.

    Aber dies liegt doch nicht an unserer Zeit, die bietet alle “Ereignisse” und Stoffe. Es liegt an den Menschen in der Verantwortung, die unsere Gegenwart maßgeblich entscheiden. Sie rücken das Zentrale in die Peripherie und im Umkehrprozess ihren oft auch unsicheren Geschmack in die Mitte, ihre Rückversicherung darin angenommen und gefallen zu wollen. Die meißten Verantwortlichen bewegen sich doch ebenso im Niemandsland referenz- und risikoloser Subjektivität und ich-bezogener Belanglosigkeit, und tuen marktechnisch gut daran ?!

    Und Herr Jonigk macht sich nun mal ebenso zum Nutznießer dieser Vorgänge, diese Kritik sollte er sich schon gefallen lassen. Nur wenige aktuelle Texte hätten das Gewicht, in die fünfundzwanzigste Reihe oder den dritten Rang vorzudringen. Dann soll Herr Jonigk doch diese Wenigen in das große Haus in D´dorf installieren, und es dabei belassen, dann wären wir doch alle schon glücklich und würden keine Kosten scheuen anzureisen. Oder etwa nicht ?

    Aufrichtige und herzliche Grüße

    Ihr
    Baucks

  11. P.D.

    Zunächst einmal: große, herausragende Stücke gibt es. Ob es irgendwann mehr oder herausragendere gab, kann ich nicht beurteilen, aber ich könnte sicher hier beispielhaft drei Stücke nennen, die zumindest mich bewegt, fasziniert, beeindruckt haben. Es wird sicher auch weiterhin große Stücke geben. Man findet sie, wenn man sucht. Leider muss ich Rolf Kemnitzer recht geben, die Dramaturgen sehen es überwiegend nicht mehr als ihre Aufgabe an, neue Stücke oder Autoren zu entdecken. Dafür gibt es ja die Verlage. Ich tue damit natürlich den vielen Dramaturgen unrecht, die es sich, quasi nach Feierabend, „antun“, die ihnen zugesandten Manuskripte zu lesen. Doch wie soll ein Dramatiker sie finden? Es mag ein tolles Autorenlabor sein, dass Thomas Jonigk in Düsseldorf führt, aber wie steht es da mit den ganz einfachen Dingen, wenn sich zum Beispiel ein unbekannter Dramatiker per Brief oder Mail meldet? Wird darauf überhaupt geantwortet? Lässt man in Düsseldorf überhaupt eine Kontaktaufnahme zu? Nähe zum Publikum, Diskussionen? Ja. Austausch mit Dramatikern (oder solchen, die es werden wollen) auf ganz unbürokratischem Weg ohne Messe, Stückemarkt und ähnliches, was zum Kulturbetrieb gehört? Findet nicht statt. Was habt ihr denn überall für schreckliche Erfahrungen gemacht? Die Chance, als unbekannter Dramatiker aufgeführt zu werden, ist womöglich heute größer denn je. Dafür ist die Chance, als Noname auf nicht-institutionalisiertem Weg überhaupt eine Antwort, einen Kontakt zu bekommen, drastisch gesunken.
    Nun ist der Weg zu einem Verlag ja nicht das Schlechteste. Auch wenn ein Dramatiker natürlich die Überlegung miteinfließen lässt – bewusst oder unbewusst – zuerst einmal muss ich den Lektor überzeugen, dann den Dramaturgen (möglicherweise kommen noch ein paar potenzielle Regisseure dazu) und schließlich am Ende der Kette, auch noch das Publikum. Auch wenn er auf diesem Wege nicht für ein bestimmtes Theater(publikum) schreiben kann.
    Dramatiker schreiben für das Publikum, aber sie entscheiden nicht darüber, ob ihre Werke aufgeführt werden. Wenn man die Situation als eine Art Gewaltenteilung betrachtet und nicht als Hierarchie, in der die Entscheider die Spitze sind und sich entsprechend machtbewusst verhalten müssen, ist daran nichts auszusetzen. Dann sollten die Entscheider nicht schulterzuckend auf die notwendige Ochsentour verweisen, sondern aktiv in diesem Prozess mitwirken, also auch als Förderer, mit dem Mut, mal etwas durchzusetzen, was sich nicht erst per Ochsentour woanders etabliert hat. Es ist schon richtig, dass Autoren immer Schwierigkeiten ausgesetzt waren. Aber das heißt ja nicht, dass man sich daran beteiligen muss.
    Um noch einmal zum Anfang zurück zu kehren. Die großen Stücke findet man, das Wehklagen über die neue Dramatik ist vielleicht auch der Frust darüber, dass das Theater seine Bedeutung verloren hat. Es ist mehr Szene, mehr Community geworden. Die, die das neue Zeitstück fordern, sehnen sich vielleicht nur nach einer Joanne K. Rowlings des Theaters, die alle Jammerei darüber, dass die Kids nicht mehr lesen, verstummen ließ. Sie wollen einen Harry Potter des Theaters, um den man sich auch außerhalb der Theatercommunity reißt.

  12. christoph

    Die Sache mit dem Autorenlabor ist ja erstmal gut. Jedes Interesse an der neuen Dramatik, jede neue nIdee dafür ist erstmal besser als das Gewurschtel von anderen. Jonigk hat sich da wirklich was überlegt.
    Trotzdem kann man schon fragen, ob wir eine weitere Schule brauchen. Jonigk liegt an einer Förderung von Newcomern. Prima. Die bekommen ein halbes Jahr ein wenig Geld und eventuell Selbstbewußtsein, wie Jonigk schreibt, auch gut. Ich persönlich finde jene Intendanten und Dramaturgen aber interessanter, die einem Autor z.B. regelmäßig Aufträge geben, vielleicht sogar für die große Bühne. Die riskieren was, ohne groß darüber zu reden! Was riskiert Jonigk denn in seinem Labor? Man könnte es auch so sehen, daß er da seine Schäfchen hütet, die er dann auflisten kann, wenn sie später mal erfolgreich werden. In der Arbeit bleibt er der Chef. Von dem Geld für das Autorenlabor samt Fahrtkosten usw. Arbeitskosten für Jonigk etc. könnten zwei Hausautoren gut leben. In künstlerischer Freiheit! Einem “Hausautor” müßte dieser Dramaturg auf Augenhöhe begegnen. Dessen Stücke würde eventuell mit seinen eigenen konkurrieren. Diese Sicht der Dinge trifft sich auch mit dem etwas herablassenden Tongegenüber Autoren, der sich in seinem Untertext lesen läßt.
    Das Interesse an jungen Dramatikern liegt ja meiner Einschätzung nach generell nicht nur an deren Frische, sondern auch daran, daß die sich eben in eine Rolle fügen, in ein Machtgefüge einordnen, daß den Dramaturgenn die Oberhand beläßt. Äußerst herzlichen Gruß!
    Christoph

  13. ks

    Lieber Christoph,
    in aller Kürze: ich bin eine durch das Düsseldorfer Schauspielhaus und T. Jonigk geförderte Autorin und empfinde mich nicht als “Newcomerin”. Was heisst das denn auf Deutsch? Neukommerin? Neu bin ich mit meinen 27 Jahren sicher nicht. Okay, vielleicht komme ich doch, wie eine Schauspielerin, immer wieder “neu” rein. Aber das Bild ist nur stimmig, wenn man von Aussen, oder wie ein Regisseur draufschaut.
    Ebenfalls herzliche Grüße
    Katharina

  14. christoph

    Eine Neukommerin könnte jemand sein, die noch weniger als drei Uraufführungen hinter sich hat.
    Ich bin für Neukommer und deren Förderung. Ich meine nur, dass die Theaterlandschaft so ein Labor nicht braucht. Die Autorenszene krankt im Gegenteil an zu viel Schule. Ich stelle daher die Frage, ob dieses Projekt für das Theater insgesamt sinnvoll ist oder eher ein Profilierungsakt. Ich stelle die Frage, ob der leitende Dramaturg seine (von einigen hier bemerkte) offensichtliche Herablassung gegenüber Autoren auf eine paradoxe Weise auslebt, indem er “fördert”. Wird er darauf antworten? Schwerlich.
    Vielleicht magst du etwas schreiben, Katharina, zur Düsseldorfer Balancehilfe zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn.

  15. Katharina Schlender

    Ich bin verwundert. Als Autor hat man natürlich den Anspruch `einen in sich geschlossenen Text` zu arbeiten. Ich finde diesen Anspruch in keinster Weise altmodisch oder unmodern. Mit der Devise: `undurchdachtes Weitermachen` komme ich so gar nicht überein. Was soll das heißen? Soll es jetzt `modern` sein, undurchdachte, offene Textfetzen zu erarbeiten? Ich finde es sehr verwunderlich, daß Jonigk das Theater als Verwertungsgesellschaft versteht, in der nur das Ergebnis zu zählen scheint und diesen Satz einfach so stehen läßt. Wo kommt denn das Ergebnis her? Was wären denn sämtliche Schauspieler und Regisseure ohne Textfundament? Also wenn dies tatsächlich Jonigks Fazit der gegenwärtigen Autorensituation ist, frage ich mich, warum er sein Autorenlabor nicht unverzüglich schließt. Schon der Titel dieser Werkstatt macht mich nochmals wundern. Labor? Sind wir denn Kaninchen, die von Dramaturgenhand aus dem Hut gezaubert, dem Publikum vorgezeigt werden? Ich mußte sehr lachen, als ich las, daß Autoren auf die harte Realität des Berufes vorbereitet werden, daß man Mut machen möchte und Rückgrat stärken. Also wirklich. Sowas kann doch nicht ernst gemeint sein. Sind Autoren denn Schwachsinnige, die von anderen Stärke erlernen? Jonigk wendet sich (als Autor) vor dem Autor in Opferrolle instinktiv weg, wie er schreibt. Gleichzeitig schreibt er herablassend über Autoren, die sich ebenso wie er selbst von der Opferrolle wegbewegen und sich hinstellen um ihr Unwohlsein auszudrücken. Ist das kein Widerspruch? Es ist ebenso unsinnig, zu behaupten, daß es keine guten Stücke gibt, daß es sie nicht geben kann. So etwas schreibt jemand, der als Dramaturg Autorenförderung betreibt. Warum, frage ich mich. Warum fördert man etwas, von dem man schon im Vornherein sagt, daß es nichts bringt. Wenn es keine guten Stücke geben kann, wozu fördert man Autoren? (Es wäre schön, wenn ich hierzu eine Antwort von Herrn Jonigk erhalte.) Und auch mich würde interessieren, was ks, als ehemals dort Geförderte, zur `Düsseldorfer Balancehilfe zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn` wie Christoph fragt, denkt. Danke!

  16. Katharina Schlender

    Schade, daß Jonigk nicht antwortet. Wirklich schade.

  17. Martin Baucks

    Liebe Katharina Schlender,

    da schließe ich mich vollkommen an. Jonigks Position hat soviele Fragen berechtigterweise aufgeworfen; er sollte, wenn er sich selber ernst nimmt, und ernstgenommen werden will, reagieren, und hier im Dramablog antworten.

    Gruß

    Baucks

  18. christoph

    Was hier passiert, sagt etwas über das Internet und seine Blogs. Ein Dramaturg läßt sich auf eine Weise aus, die er sich niemals in “Theater Heute” o.ä. erlauben würde. Er diffamiert sich engagierende Autoren und setzt Verlage und Autoren herab. Der Vorwurf Autoren seien arbeitsscheu ist der Beste! Man kann hier lesen, wie so ein Dramaturg und sich selbst fördernder Autor wirklich über die Konkurrenz denkt, ohne daß der übliche Kleister darüber geschüttet wird, wie man ihn auf den Podiumsdiskussionen und in anderen offiziellen Verlautbarungen beigemischt bekommt.
    Beim Lesen der Kommentare, die ebenso direkt sind, werden so viele Wahrheit über diesen Dramaturgen gesagt, wie er sie sicher in einem ganzen Jahr nicht gesagt bekommt. Kein Wunder, daß er da nicht antwortet. Falls er es liest, muß er diese Wahrheiten wegdrängen, den auch er “kreist um sich selbst”.
    Schön also, daß es den Blog gibt. Er ist erhellend!
    Wer den Dramaturgen aber direkt erreiche möchte, das geht über:
    thomas.jonigk@duesseldorfer-schauspielhaus.de

  19. ks

    Wie jüngst in den Medien bekannt wurde, habe ich mich elfjährig selbst zur Adoption freigegeben, da ich mit meinem Elternhaus nicht klarkam.
    Heute weiß ich, dass es ein Fehler war, sichere Führung wurde mir zwar allerorts billig angeboten, dahinter verbarg sich jedoch stets Abhängigkeit. Hätte ich das Angebot meiner Zeugenden neunjährig angenommen, mir das Segel zu geben und mich in Eigenverantwortung durch die Welt zu winden, ich wäre kein Geist hätte sein müssen und unter Umständen mit meinen heute 35 Jahren nur 23…
    Ich traf Dozenten, Linksanwälte, Mentoren, Rechtsanwälte, Eigentümer, Bankrotte und Halbtote und hörte ihnen in höchster Erregtheit von der ersten bis zur letzten Silbe zu. In den ersten Minuten unterschieden sich die präsentierten Konzepte radikal voneinander. [Damals war mein Größenwahn noch ganz natürlich aus der Muttermilch entwickelt, das muss so im letzten Jahrtausend gewesen sein.] Die ersten zehn Jahre hielt ich meine stets aufkommende Langweilie im zweiten Teil der Inszenierungen für meine Schuld. Ich strengte mich mehr und mehr an und verlor an Wert. Ich balancierte geradezu in mein Gefühl des Minderwerts und wurde tatsächlich für eine rhythmische Spagatsympartisanin gehalten.
    Durch meine “little helpers”, gelang mir in Momenten von stark variierender Länge der Sprung in mein Gegenteil, worauf mich der olle H 5jährig brachte, den ich hasserfüllt Wössengrahn schimpfe.
    Als ich mit 32 endlich lesen gelernt hatte (das hatten meine Eltern leider versäumt mir beizubringen und ich musste Methoden entwickeln, beim Vorlesewettbewerb trotzdem als Zweitplatzierte zu strahlen und anschliessend geräuschlos unter den Tisch zu fallen), hatte ich ein erhellendes Erlebnis. Ich lag seit sieben Wochen in meinem Bett, begraben unter drei Decken meines Minderwerts, da passierte es. Ich hörte ein fiepsen, hielt es für eine Sinnestäuschung und blieb meinem Vorsatz treu, mich weder zu bewegen, noch auszuatmen. Ich hörte, wie direkt neben meinem linken Ohr ein F in ein P sich wandelte und erkannte, dass die mutmaßliche Sinnestäuschung das Piepsen eines mausgrauen Grahms war. Doch verstand ich mäusisch? Ich konnte mich nicht erinnern, je eine lebendige Maus gesehen zu haben. Tote sehr wohl. Die Fotos der purpurfarbenen Tierfriedhöfe gingen bekanntlich durch Film und Funk, ich müsste es nicht erwähnen… Nun gut. Ich rang innerlich ein dreizehntes Gelübde ab an diesem Tag: Niemals in diesem Leben und auf dieser Welt werde ich die Augen öffnen, es könnte ein Sandkorn darin zu schaden kommen.

    Neider, neider ist jetzt Schluß, weil ich zu Kohle kommen muss.
    Bin gespannt auf zu lesende Projektionen, bitte in allbekannter Klarheit, ich sehe schon, wir sind uns ganz einig, da auch ich die Wahrheit liebe, wenn auch die Dunkelheit der Nacht zuweilen behaglicher finde.

    Piep Piep

  20. fk

    Habe den Beitrag von Thomas Jonigk nun mehrfach gelesen und kann darin einfach keinen Anlass für Ekelattacken, Arroganz- oder Herabwürdigungsunterstellungen finden. Was ist denn beispielsweise falsch daran, als Hausautor andere Autoren professionalisieren zu wollen – und sie dafür noch zu bezahlen? Vielleicht sollte man sich die Inhalte eines solchen Seminarmodells genauer ansehen. Aus Verlagssicht würde ich mir die Professionalisierung mancher beratungsresistenter Autoren sehr wünschen. Und natürlich gibt es ein Kreisen des Betriebes um sich selbst. Ich muss Jonigks Positionen hier nicht verteidigen. Man muss seine Ansichten auch nicht teilen, aber man sollte sie doch – als Erfahrungen eines Autors, der nun schon eine Weile den Betrieb aus verschiedenen Blickwinkeln kritisch beobachtet – zur Kenntnis nehmen. Die Angepiektheit und Reflexhaftigkeit mancher Reaktionen hier ist für mich ein Hinweis darauf, wie verbittert die Auseinandersetzung mittlerweile auch autorenseits geführt wird. Ich glaube, auch eben deshalb, weil sich das System seit Jahren und Jahrzehnten kaum bewegt – allem äußeren Anschein zum Trotze. Genau das beschreibt Jonigk auch – polemisch zugespitzt. Neu am Düsseldorfer Autorenlabor ist für mich die langfristig angelegte Möglichkeit einer Zusammenarbeit. Das ist zwar im deutschsprachigen Raum nicht “einzigartig”, wie es die Düsseldorfer meinen (siehe dramenprozessor in Zürich, ähnliche, “ergebnisoffene” Modelle jenseits von Hausautorenschaften in Stuttgart oder am Gorki in Berlin), aber aus meiner Sicht ein Schritt in die richtige Richtung. Vielleicht sollte man die existierenden Autorenförderungsmodelle doch einmal ausführlicher beschreiben und einander gegenüberstellen? Mich interessiert auch die immer wieder beklagte “inhaltliche Misere”, die übrigens nicht nur der Autor (!) und Dramaturg Jonigk so feststellt. Was heißt das denn genau, wenn dahinter nicht nur ein dramaturgisches Abwehrargument steckt? Vielleicht lohnt eine eigene Diskussion über die Schwierigkeiten, die heutige Wirklichkeit dramatisch zu fassen. Ich sammle dazu mal ein paar Meinungsäußerungen und veröffentliche sie dann (hoffentlich bald) als gesonderten Beitrag. Einstweilen schöne Grüße in die Runde.

  21. Anna Praktikant

    Der Herr Jonick hat diese Attacken nicht verdient, richtig! Er professionalisiert psychisch gefährdete Autoren. Die Beiträgen von ks, die angibt, im Autorenlabor gewesen zu sein, zeigen doch eindeutig, daß solche Hilfe sehr nötig ist. Sie bitte darum, dass die Kommentare sich aufeinander beziehen und tut selbst das Gegenteil. Sie weiß ja noch nicht einmal ihr Alter, denn einmal schreibt sie so, dann so! Werden in Düsseldorf multiple Persönlichkeiten gezüchtet? Ein großartiges Modell!
    Es bleiben die Tatsachen, die hier antwortlos vermerkt wurden, lieber Herr Kroll und Herr Jonick, dass die “zu professionalisierenden” Autoren lieber ohne diesen Düsseldorfer Kurs nur das Geld nehmen würden. Es bleibt die Tatsache, dass Herr Jonick offenbar keinen Hausautoren auf gleicher Augenhöhe begegnen möchte. Es bleibt die Tatsache, dass er, wie so manche andere Dramaturgen, sich Autoren gegenüber offenbar in der Machtposition wohlfühlt, wie auch seine in wohlmeinenden Gunstbezeugungen versteckten arroganten Herabwürdigungen in diesem Blogbeitrag zeigen. Da liegt die Wurzel des Problems, weswegen immer mehr Autoren unzufrieden sind und manche es sogar wagen den Mund aufzumachen: Der Dramaturg, der Regisseur, der von den Autoren lebt, aber sie insgeheim verachtet. Das zeigt sich an der Bezahlung und am Umgang. Ich könnte da Stories erzählen, da ist Düsseldorf ein Waisenknabenhaus dagegen.
    Und deshalb schlägt einem Jonick hier wenig Dank und Freude entgegen. Weil er zu einem Verein gehört, in dem man sich besonders hervortut durch “Pflege” von Autoren, als wären es Haustiere. Es gibt auch genug Altersheime, wo man Leute pflegen kann, wenn man unbedingt will.
    Künstlern (Autoren zählen dazu) muß so eine Schuljungenbehandlung entwürdigend vorkommen. Als Dramaturg hält sich oft ein wenig für den lieben Gott, weil man ein bißchen Selektion spielen darf. Diese kreuzbraven Handwerkler, die jetzt fürs Theater schreiben, die hat sich das Theater in seinen Laboren selbst herangezüchtet. Man wird ja richtig abgerichtet auf diesen scheintoten Betrieb! Da ist dann solche Texte wie “Genannt Gospodin” schon Ereignisse! Wurde vielleicht auch in Düsseldorf gezüchtet!
    Jetzt habe ich mir eine kleine Wut genährt. Ist auch ein Rohstoff. Es soll ja eine Zeit gegeben haben, als Wut noch geholfen hat…
    Übrigens, an alle hiesigen Blogger: Der Düsseldorfer Dramaturg liest das hier alles, wie ich aus gut unterrichteter Quelle weiß. Er gibt sich nur ein bißchen vielbeschäftigt, indem er nicht antwortet. Auch das eine Statusfrage!

  22. fk

    Jonigk mit gk, soviel Höflichkeit sollte sein, bei aller Wut. Erzählen Sie doch mal Ihre “Stories” bitte, vielleicht wird dann für andere irgendwie nachvollziehbar, woraus sie sich nährt. Der Umstand, dass sich ein größeres Theater einen Hausautor leistet, der sich nicht damit begnügt, Stücke für sein Haus zu schreiben, sondern bezahlte Stückentwicklung betreibt, ist aus meiner Sicht schon bemerkenswert. Wir haben keinen Vertrag mit Düsseldorf, aber schon ein kurzer Blick in den dortigen Spielplan zeigt, dass sich das Düsseldorfer Schauspielhaus auch mit anderen Gegenwartsautoren “auf Augenhöhe” auseinandersetzt. Das kann man sich natürlich immer noch lebendiger vorstellen.

  23. Katharina Schlender

    Sich mäusisch zu äußern um dann wieder in der Dunkelheit zu verschwinden, finde ich sehr abstrus. Bisher wurde hier Klartext geredet, mal die Hand vom Mund genommen. Man macht sich hier Gedanken und stellt manchmal auch provozierende Fragen und erhofft sich Antworten und heraus kommt nur ein -schade- von Baucks und mir, oder eine gewisse -Wut- von Anna Praktikant. fk versucht einen objektiven Überblick zu behalten und weiter? Wie kommen wir weiter? Dies hier ist doch ein Versuch, ein Anfang, ins Gespräch zu kommen. Oder sehe ich das falsch? Ich habe Jonigks Text gelesen und ihm auf meine Art geantwortet. Habe auf seine Art von Antwort gewartet. Doch ein Echo bleibt aus. Ich für meinen Teil ziehe den für mich enttäuschenden Schluß, daß der Impulsgeber Jonigk nicht an einem Gespräch interessiert ist und sehe keinen Anlaß mehr dieses, von meiner Seite aus, noch aufrecht zu erhalten. Der Gesprächspartner ist bereits vom Tisch aufgestanden und gegangen. Die Rechnung nach einem inhaltlichen, produktivem Austausch ist nicht aufgegangen. So bezahle ich meine Rechnung selbst und ziehe Konsequenzen. Ich verabschiede mich aus diesem Gesprächskreis. Nicht um mäusisch in der Dunkelheit zu verschwinden, sondern auf der Suche nach einem Gespräch, daß auf beidseitiger Neugier und Respekt aufbaut. Auf wiedersehen.

  24. P.D.

    Ihre Verteidigung von Thomas Jonigk in allen Ehren, lieber fk, aber es geht, glaube ich, weniger um den Wortsinn als den Geist. Falsch ist es ja nicht, was Jonigk schreibt, ebensowenig wie es falsch wäre, wenn ein Bundesligatrainer sich darüber ausließe, dass kleine, dicke Jungs bei den Bambini spielen. Aber der Aufschrei wäre groß, wenn es denn einer täte. Was spielt es denn für eine Rolle, dass in der Vergangenheit und ein wenig auch in der Gegenwart Dramatiker von politischer Seite Schwierigkeiten ausgesetzt waren? Jonigk führt Rushdie an. Haben die Verleger gesagt: Tja, mein lieber Rushdie, sowas ist nunmal das Brot eines Schriftstellers, das war schon immer so? Sicher ist die Kunst auch ein Auffangbecken für gescheiterte Filmkarrieren, missglückte Erbschaften und Arbeitsalltagsintegrierungsunfähige, aber darum geht es doch nicht. Jonigks Beitrag ist natürlich diskutabel, aber dafür müsste sich jemand finden, der weiter diskutiert. Ich nehme an, dass die mitlesenden Dramaturgen gerade dabei sind, sich neu zu positionieren. Höflichkeit fordern Sie mit Recht ein, lieber fk. Sie besteht aber nicht nur darin, dass man Namen korrekt schreibt. Die für Sie nicht nachvollziehbaren (?) Stories, von denen Anna Praktikant spricht, haben damit auch zu tun. Schon an anderer Stelle in diesem Blog wurde davon berichtet, dass Dramaturgen Antworten schuldig bleiben – sie antworten einfach nicht (und die Rede ist nicht von Anfragen auf Dozentenstellen oder ähnlichen Quark). Eine nicht nur Dramatikern, sondern jedem Menschen gegenüber kolossale Unhöflichkeit. Arroganz lässt sich nur schwer in Stories fassen, wenn man nicht Namen nennen oder zitieren möchte. Aber sie hat natürlich etwas mit Macht zu tun bzw. mit der Unfähigkeit, mit Macht umzugehen. Wahrscheinlich – und das Pseudonym Praktikant soll es wohl deutlich machen – sitzt so ein Problem viel tiefer in einer karrieregeilen Gesellschaft. Es hat etwas mit Werten zu tun, die das Theater vorgeblich verteidigt. Die Generation Praktikant ist auch im Theater angekommen.

  25. fk

    Klar, schön wärs, kämen Theaterleute hier mehr aus der Deckung. Zumal mir immer wieder gesagt wird, für wie wichtig das Thema gehalten wird. Aber Reaktionen kann man nicht einfach einfordern. Schon gar nicht patzig oder diffamierend. Oder mit einer “Sag mir wo du stehst?”-Gesinnungsabfrage aller Nicht-Unterzeichner. Dies ist ein Blog. Hier sammeln einige erste Erfahrungen mit dieser Art der Auseinandersetzung, scheint mir. Besonders einladend fand ich viele der hier versammelten Kommentare bislang nicht. Da wurde erst einmal ordentlich losgekoffert und abgeschimpft. – Und: Ich würde die Probleme von Anna Praktikant ja gern nachvollziehen. Dazu müsste sie ihre Erfahrungen aber erst einmal konkreter machen. Mit oder ohne Namen. Hier ist viel Platz, auch komplexe Umstände ausführlicher zu beschreiben. Ablästern und sich verdrücken zählt nicht.

  26. P.D.

    Naja, verdrückt hat sich Anna Praktikant ja nicht (der letzte Satz bezieht sich doch auf sie, oder? – man könnte ihn auch anders interpretieren). Ansonsten gebe ich Ihnen recht. Und es sollte nicht gegen Personen gehen, zumal Thomas Jonigk wenigstens so mutig war und ein paar streitbare Thesen zur Diskussion gestellt hat.

  27. ks

    Ich möchte kurz Stellung zu dem Vorgang nehmen.
    Ich habe keine Multiple Persönlichkeitsstörung.
    Wieso reden Sie aber so abfällig über psychisch Kranke, Anna Praktikant? Das irritiert mich. Wieso können Sie einen humorvollen Beitrag, der vielleicht nicht in Ihre Definition von sachlichem Diskutieren passt, nicht von einem pathologisch gefärbten Ausdruck von Unmündigkeit unterscheiden? Ich gehe davon aus, dass Sie das Theater lieben, das ist nun aber mal ein Ort, an dem auch Menschen sich aufgehoben fühlen, die sich mit ihren Abgründen auseinandersetzen und versuchen, diese kunstvoll zu verdichten, um sie anderen zu lesen zu geben. Sie können nicht beurteilen, was meine psychische Verfassung ist oder ob es angemessener wäre, mir Krankengeld statt Stipendium zukommen zu lassen. Leben sie als hier selbsternannte Praktikantin in prekären Umständen? Es interssiert mich nicht und meine Digagnos hat sie mit Verlaub einen Feuchten zu interessieren.
    Ansonsten finde auch ich die rasche Wut über nicht antworten wollende erschreckend. Auch diese Reaktionen sagen viel über die Funktionsart eines Blogs aus.
    Ich habe mich hinter einer Geschichte versteckt jawohl, dass ich hier nie wieder schreiben will, hatte ich nicht formuliert. Es war auch kein Quatschbeitrag aus hohler Hand. Ich hätte auch auf einer anderen Ebene auf die Anfrage, ob ich mich zu Thomas Jonigks Verhalten angesichts junger Dramatiker mit Problemen äussern möchte, äussern können.

    Warum wird dazu eingeladen, dem Verfasser eines Textes persönlich die Meinung zu geigen?

    Verpassen Sie mir eine Diagnose, aber ich mag solche Kampagnen nicht.
    Ich sehne mich nicht danach, Politiker zu sein. Schimpfen Sie mich reaktionär.
    Ich werde hier in unregelmäßigen Abständen reinschauen und etwas schreiben, wenn ich mag.
    Mit freundlichen Grüßen
    Katharina Schmidt

  28. Anna Praktikant

    Krankheitsbilder müssen wir tatsächlich nicht aufhängen und Leute wie Herrn Jonigk(gk!) auch nicht. Das ist ein braver Mann mit viel Verständnis. Eine kleine Macke kann ja auch eine Muse sein und schön, wenn es dafür in Düsseldorf eine Anlaufstation gibt. Nur schade, dass so viele deutsche Dramatiker generell kaum fähig sind sich mitzuteilen oder so sehr auf Karriere Bedacht, dass Mitteilung nur vorkommt, wenn sie nutzt. Autismus herrscht nicht nur in vielen Texten, sondern auch darüber hinaus. Und kein Autist zu sein, nicht vollgepumpt mit Tranquilizern o.ä. durch die Welt und ihre Theater zu rennen, bedeutet keineswegs, in die Politik zu gehen.
    Es herrscht in Deutschland immer noch ein Künstlerbild, das zweihundert Jahre alt ist. Der mit seinem Wahn (Abgrund!) Kämpfende, der sich selbst auffrisst für die Kunst und deshalb nichts anderes zu fressen braucht. Der von den “Realmenschen” gütig adoptiert wird und ihnen auch mal was vorlesen darf von seinen Phantastereien.
    Und jetzt fühlen Sie sich nicht beschimpft, Frau Schmidt. Es geht ja nicht um sie und mich, sondern um das kommunikationsbehinderte Kulturkaufhaus namens Theater und auch Jonigk ist nur einer von vielen, der sich ja immerhin herabgelassen hat, hier eine aufschlussreiche Meinung zu spenden. Kunst soll doch die Röhren öffnen zwischen den Menschen oder wie war das?

  29. fk

    bitte unbedingt mal “autismus” googeln und pauschalwüterei abstellen. danke.

  30. Anna Praktikant

    Vielen Dank für den Rat!
    “Autismus: abweichender Informationsverarbeitungsmodus, der sich durch Schwächen in sozialer Interaktion und Kommunikation sowie durch stereotype Verhaltensweisen und Stärken bei Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Intelligenz zeigt.” Nehmen wir es als Metapher, die ja interessante Phänomene einschließt.
    Ich denke, man darf angesichts mancher “Dialoge” in diesem Blog, aber auch angesichts der mangelnden Beteiligung der DramaturgInnen, die ja durchaus hier reinlesen, vor allem aber angesichts dessen, was hierzulande häufig (!) als Theater hingenommen werden muss so eine Metapher mal bemühen.

  31. fk

    schwächen und stärken, kiek an. “angeboren” wird mal kurz rausgestrichen, passt halt auch nicht so rein in die bemühte metapher. seis drum, bleiben wir mal dabei: ein autistisches theater könnte demnach auch besonders intelligent, aufmerksam und geschichtsbewusst sein. oder was wollen sie uns eigentlich sagen?

  32. Anna Praktikant

    Googeln Sie doch mal den Begriff “Metapher”, wer weiß wofür es einmal gut sein wird.
    Aber ich werd ich mich mal um Sachlichkeit bemühen: Das Theater erscheint insgesamt als ein Phänomen, das immer mehr um sich selbst kreist, und desgleichen ist an Autoren zu beobachten sowie an den einschlägigen Theaterjournalen, an der Auswahl des Theatertreffens und an jenem Beitrag von Jonigk (die Liste ließe sich beliebig fortsetzen). Dabei ist dieser Dramaturg in der Tat für intelligent, aufmerksam und geschichtsbewusst zu halten. Auch Leute wie dieser Hau-Dramaturg, der Aufsätze darüber schreibt, daß die Realität Löcher hat wie Käse, und all die anderen Kanonen sind höchst intelligent, aufmerksam und geschichtsbewusst. Selbst ich bin zuweilen intelligent, aufmerksam und geschichtsbewusst. Und ich bin fast sicher: auch Sie! Bleibt die Frage, ob wir fähig sind, unsere Realitäten einander mitzuteilen. Dafür bedarf es anderer Qualitäten und die sind ausgerechnet im Theater Mangelware. Warum sehen wir auf den Bühnen zunehmend nur Löcher. Damit`s nicht nur abstrakt bleibt: “Hamlet ist tot” halte ich für so ein Loch, gerade abgedruckt in “Theater gestern”. Ein gekonntes, intelligentes, aufmerksames und geschichtsbewusstes Nichts, das uns sagen will, dass wir uns nichts sagen können. Nachdem ich das gelesen habe, hatte ich eine halbe Stunde Schluckauf und wollte einem kleinen Kind sein Spielzeug wegnehmen. Hab’s aber nicht gemacht.

  33. ks

    Mir wird ihr narzisstisches Abwertungsgebaren langsam zu bunt, Frau Praktikant. Setzen Sie Ihren Sarkasmus bewusst ein, oder unterläuft er Ihnen? Ja, ich mache mir die Mühe, auf Sie einzugehen. Ihre pauschale Anprangerei geht auf keine Kuhhaut. Es ist keine Befindlichkeit, die mich antreibt, Ihnen zu antworten. Ich finde es beschämend, wie Sie einerseits die edelsten Ideale zu vertreten meinen und gleichzeitig in einer Menschenverachtenden Form über Kunstschaffende reden.

    Sie schreiben folgenden Satz: Ich könnte da Stories erzählen, da ist Düsseldorf ein Waisenknabenhaus dagegen.

    Sie beteiligen sich also an der Gerüchteküche und sind wahrscheinlich eine neugierige und redewillige Person. Nun gut. Was wissen Sie denn so furchtbar skandalöses, dass Sie so dringend geheim halten wollen? Es ist mir mittlerweile egal. Ich möchte nicht mehr über nicht anwesende reden und wünsche mir, dass auch andere sich nicht an Geschichten aufgeilen, die sie selbst nur vom Hörensagen (wenn auch aus verlässlichen Quellen meinetwegen) kennen. Das wäre dann meine Utopie.

    Haben Sie Psychologie studiert? Haben Sie jemals mit einem autistischen Menschen Umgang gepflegt? Was hätten Sie dagegen, wenn ein Autist ein erfolgreicher Theaterautor ist? Wenigstens schon mal einen echten Autisten bei Schlingensief gesehen? Oder benutzen sie Diagnosen des ICD einfach lax als Schimpfwörter? Dann können Sie aber wirklich ehrlicher zu uns allen sein. Wie wäre es mit Dummköpfin?

    Sie möchten ein gutes Gespräch führen, aha. Dazu erfordert es Sozialkompetenz, ich bin in diesem Punkt ihrer Meinung. Was aber, wenn eine Kommunikation anders als gewünscht verläuft? Wenn sich der angesprochene nicht ins eigene Dialogmuster pressen lässt? Man bedient sich der Totschlagargumente. Wenn Sie mögen, können wir perspektivisch die Logik bedienen und aus den bisher geschriebenen Beiträgen herausstreichen, wo sie aus den Angeln gehoben wird. Ich bin ohnehin schon dabei.

    Von wegen sachlich: Das Theater kreist um sich selbst. Ein unbestreitbares Phänomen. Es gibt Bemühungen, diesen Kreisluf zu durchbrechen. Unbestritten und bestimmt keine schlechte Idee. Dramaturgen sind oft gemütliche Menschen, die nicht antworten. Habe ich auch erleben müssen und war enttäuscht. Das ist der Status Quo. Ich persönlich habe auch das Bestreben, dem Theater aus seiner Selbstbezogenheit zu helfen, jedoch halte ich andere Strategien für Erfolg versprechend als Sie. Zum einen glaube ich nicht, dass ein ausgestreckter Zeigefinger einen in Sicherheit wägt. Und ich baue mein Leben nicht im Theater auf. Ich verankere mich in meinem sonstigen Leben und sehe die Theaterautorenschaft als meine Arbeit. So kann ich für das Theater aus und über das Leben schreiben und muss kein Theater auf dem Theater machen. Das darf durchaus auch politisch sein. Es ist mir mittlerweile zu anstrengend, meinen Hass auf andere zu projektieren. Genau das machen Sie übrigens in fast schon Lehrbuchhafter Weise.

    Ich halte mich mittlerweile für einen ausgeglichenen Menschen. Allerdings hilft es mir, mich an eine Regel zu halten: Nicht auf Kampfansagen einzugehen. Wenn Sie von “aufhängen” sprechen, dann verstehe ich nicht, worauf Sie zielen. Ich interessiere mich für Geschichte und bin überzeugt, dass nichts erzwungen werden kann.

    Welchen Platz nehmen Sie eigentlich in der Theaterlandschaft ein?

    War Ihnen das jetzt sachlich genug? Oder ein paar Gramm zu persönlich?
    Wegen mir können wir tatsächlich weiter diskutieren. Dann sparen Sie sich aber bitte in Zukunft das abfällige Reden über Menschen mit psychischen Krankheiten. Ich hätte da sonst bald eine für Sie im Angebot…

  34. Anna Praktikant

    Hier ist aber was los! Die Bezeichnung “autistisches Theater” lasse ich mir patentieren. Pauschal und passend! Wenden wir uns aber Konkreterem zu, schlage ich vor. Ist auch Zeit, diesen Diskussionsfaden zu beenden, der sowieso nur noch wenig mit dem Beitrag zu tun hat.
    Ist das nicht auch ein Blog von “Theater gestern”? Da könnte man ja auch die Stücke besprechen, die da monatlich abgedruckt werden.
    (- off topic -)

  35. fk

    bitte themenbezogen kommentieren.

Einen Kommentar schreiben