What’s the news?
(fk) Postdramatischer Selbstversuch: ein Rimini-Protokoll-Abend im Berliner HAU am 12.1.2008. Das Werk: “Breaking news – ein Tagesschauspiel”.Seit ein paar Jahren gelten sie mit ihren zahlreichen quasi-dokumentarischen Arbeiten als richtungsweisendes Theaterprojekt, der Spiegel attestierte ihren Abenden “große gedankliche und konzeptionelle Komplexität”, auf Theaterfachtagungen werden ihre Arbeitsweisen fleißig diskutiert und im Sommer 2007 gewannen sie gar den angesehenen Mülheimer Dramatikerpreis (sic!) für ihre Produktion “Karl Marx. Das Kapital, Erster Band”. Dieses Mal sollte es um die Fernsehberichterstattung gehen. Dazu versammeln sich auf der Bühne des HAU vor und zwischen etwa zwanzig Fernsehmonitoren neun sympathische Alltagsexperten unterschiedlichster Herkunft. Das Haus ist ausverkauft. Der Ablauf des Abends wird im wesentlichen strukturiert durch die Kommentierung und O-Ton-Übersetzung parallel geschalteter TV-Nachrichten aus allen möglichen Ecken der Welt, live zugeschaltet bzw. in einem Loop verzögert eingeblendet. Der technische Aufwand ist immens, trotzdem gibt es kaum einmal einen Hänger bei all den Um-, Ab- und Zuschaltungen. Ein AFP-Journalist schaltet zwischen den Sendern und ihren Kommentatoren herum, ohne das Prinzip seiner Auswahl deutlich zu machen. Bushs Nahost-Reise wird – wen wunderts? – weltweit als Thema Nr. 1 abgehandelt. In Russland bringen die Hauptnachrichten einen breit ausgewalzten Bericht über Putins Besuch in einer orthodoxen Kirche. In Island ist der Wagen eines Nazi-Spions wieder aufgetaucht und wird in ein Museum überführt. – Medienalltag, das übliche TV-Geschwätz. Auch bei diesem Rimini-Abend wird auf Schauspieler verzichtet, nicht aber auf Ansätze konventionell inszenierter Momente – und nicht auf ein Drama. Neben etwas drollig anmutenden Hüpf- und Stöckchen-Choreographien werden auch Aischylos-Texte chorisch vorgetragen, ein über den Monitoren sitzender Journalist berichtet ab und an von den PERSERN, als einem frühen Fall dramatischer Kriegsberichterstattung. Er ist der einzige, der an diesem Abend ohne zugeordnete Monitore auskommt. Ganz dem kritisch betrachteten Medium entsprechend, wird zwischen den Kommentaren, Bildern und inszenierten Passagen also herumgezappt. Und so wird es auch nie richtig langweilig, weil stets eine neue Meldung erscheint, neue Bilder Aufmerksamkeit beanspruchen. Anlässe, Gründe oder Impulse, sich einzelner Meldungen zu widmen, bleiben im Dunkeln bzw. dem Zufall überlassen. Jeder Abend hängt auch von den jeweiligen redaktionellen Inhalten ab. Hin und wieder lösen sich die Live-Kommentatoren ein wenig von den Bildschirmen und servieren Analysehäppchen: Al Jazeera berichtet anders über Bushs Reise als CNN. – Wer hätte das gedacht? Die Meldungen der ARD-Tagesschau sind ein Abbild einer alternativlos scheinenden Mitte-Gesellschaft und ihrer politischen Eliten. – Ach, kiek an. So hangelt sich der Abend von Kanal zu Kanal und von Kommentar zu Kommentar. Mit der Zeit kommen einem die engagierten Mitmenschen dort auf der Bühne näher, sie haben alle etwas zu sagen, und man würde sich gern länger etwas von ihnen erzählen lassen, vielleicht auf einer Party oder bei einem guten Essen. Aber hier stehen sie auf der Bühne und werden ab- und angeschaltet. Der analysierte, oder besser: an der Oberfläche angekratzte Gegenstand, das globale Phänomen mehr oder weniger stark politisch gesteuerter Fernsehberichterstattung, bestimmt mit seiner hysterischen, auf Zerstreuung setzenden Geschwindigkeit auch das Tempo dieses Abends. Keinem der Akteure gelingt es, sich aus der Hektik der schnellen News-Schüsse und aus der Übermacht der Fernsehbilder (die man ab der 6. Reihe kaum noch deutlich sehen kann) zu befreien. Konflikte bleiben auf der Bühne völlig aus, man ist sich – bei aller Verschiedenheit der Funktionen und Haltungen, die die Akteure beruflich oder privat einnehmen mögen – merkwürdig einig. Der Abend spult sich ab wie vorprogrammiert. Unzynisch, menschenfreundlich, harmlos. Dabei ahnt man, dass beispielsweise zwischen dem AFP-Mann ganz links am Videopult, der als Spielmacher des Abends auftritt und der die Auswahl der Kommentatoren vornimmt, und dem kritischen Journalisten rechts vorn, der gelegentlich kabarettreife Sentenzen herausschleudert, durchaus Streitpotential lauern könnte. Aber soweit will der Abend nicht gehen. Er begnügt sich mit der Reihung bekannter, konsensfähiger Phänomene. Das bleibt auf einer Knoff-Hoff-Show-Ebene über längere Phasen unterhaltsam, unterfordert das Publikum ab einem bestimmten Punkt aber deutlich, scheint mir. Immerhin: Wir lernen, dass auf Island jede Nachrichtensendung mit einer frohen Botschaft zu enden hat. Nach zwei Stunden werden die Monitore abgeschaltet, und ich horche in mich hinein: Welche neuen Formen theatraler Darstellung wurden sichtbar, welcher neue Zugriff auf die Medien hat sich vollzogen, welche neuen Wahrnehmungsweise wurden angesprochen? – Das Casting ist perfekt, der komplexe technische Ablauf des Abends wurde souverän gemeistert, aber der Hype um die Sache bleibt mir völlig obskur. Richtungsweisend erscheint mir die Produktionsform: Da tourt eine freie, hochprofessionelle Compagnie durch die Lande, dockt an Stadttheaterstrukturen an und findet ihr Publikum mit einer bestimmten “authentischen” Form der Wirklichkeitsauseinandersetzung. Gegen 22 Uhr revidiere ich (auch ein wenig erleichtert) meine postdramatischen Vorurteile: Der Kaiser ist nicht völlig nackt. Er hält eine Fernbedienung in der Hand.

Am 15. Januar 2008 um 13:52 Uhr
Ein großartiger und sehr sehenswerter Theaterabend!
In der Debatte um “Postdramatik”, die, wie ich als Laiin verstanden habe, fragt, ob es mit der Emanzipation des Theaters vom Drama in absehbarer Zeit zu Ende sein wird, UNVERZICHTBAR!!!
Mit den besten Grüßen
Elke Theimann
Am 17. Januar 2008 um 11:52 Uhr
Vielleicht könnten wir uns darauf einigen, daß im Theater etwas passieren sollte. Sei es durch einen Vorgang auf der Bühne, sei es zwischen Bühne und Zuschauerraum (in der postdramatischen Variante). Beides ist hier nicht der Fall. Doch, bei mir ist etwas passiert, etwas Schlimmes: Ich habe mich nach einem Reizgas-Unfall wie kürzlich in der Volksbühne gesehnt. Immerhin!
Riminis Innovationskraft scheint verpufft. Aber sie werden noch lange die Bühnen modisch belagern, die Rimini unterstützen, weil die ein Gesicht zu haben scheinen, das ihnen selbst fehlt.
Am Tag nach der “Performance” brachte die Nachtausgabe der Tagesschau einen lobenden Bericht über Riminis “Tagesschow”. Kein Wort davon, daß die Tagesschau da kritisiert wurde, und es ist tatsächlich unerheblich. Die Geschwindigkeit, mit der die Kulturindustrie sich dieses Phänomen Rimini einverleibt und damit sein kritisches Potenzial beerdigt hat ist ungeheuer.
Walter von Rossum, der auch bei Rimini auftritt, hat übrigens ein Radiofeature über die Mechanismen beim erstellen einer Tagesschau gemacht, das in fünfzehn Minuten weitaus mehr transportiert als der ganze Rimini-Abend. Nachzulesen unter:
http://www.dradio.de/download/69581/
Am 21. Februar 2008 um 00:37 Uhr
Eine strukturelle Frage: Wie sinnvoll ist es eigentlich, wenn sich ein Theaterverlagsleiter in einem Blog als Theaterkritiker betätigt? Machen sich nun vielleicht alle Theaterverleger daran, in ihren persönlichen Blogs die Autoren der Konkurrenz zu schmähen – oder ihnen zu huldigen? Könnte jedenfalls unterhaltsam werden, wenn auch ein wenig unappetitlich.
Am 22. Februar 2008 um 11:16 Uhr
Habe meinen Beitrag noch einmal gelesen: Schmähe ich denn? Aber der Fingerzeig auf den Verlegerknigge zielt ja noch auf einen anderen Punkt. Kritiker führen Regie, Dramaturgen schreiben Stücke, Autoren gründen Theater (Verleger ebenfalls – wie gerade in Frankfurt: http://www.frankfurter-autoren-theater.de), Regisseure stehen auf der Bühne. Inwieweit sich Verlagsmenschen theaterkritisch äußern sollten, darüber denke ich nicht erst seit der Installation des dramablogs nach. Es gibt ja Gründe, für bestimmte Fragen eine größere Öffentlichkeit zu suchen, über die Theater per se verfügen. Vielleicht habe ich hier die richtige Form noch nicht gefunden. Ich suche weiter. Unappetitlich(er) solls aber nicht werden. Versprochen.