über gute stücke (und warum man sie nicht vergisst) – teil 1

(fk) lektürebedingungen am 13.12.2007 von 16.35 bis 16.42: im verlagsbüro zwischen zwei telefonaten. das werk: ein neues stück unseres autors l.t., wie immer maschinengeschrieben und mit zahlreichen, sehr komischen buchstabendrehern versehen. ich komme bis zur dritten seite, bis dahin hat ein vater erfolglos eine wohnung gesucht, ein kind ist zur welt gekommen. dann klingelt das telefon und ein dramaturg fragt nach vorschlägen für die spielzeit 08/09, was ja sein gutes recht ist. nach dem telefonat versuche ich weiterzulesen und merke, dass ich den anfang des stückes komplett vergessen habe. – manchmal wird man gefragt, was denn eigentlich die kriterien seien für gute dramatik. ich antworte meistens, es gäbe hunderte davon und sie seien nicht bei jedem stück gleichermaßen anwendbar. – aha, soso, kiek an. hundert kriterien will natürlich niemand hören, und so lässt man mich dann auch meistens schnell in ruhe damit. trotzdem gibts natürlich kriterien. ein gutes stück sollte man sich beispielsweise merken können, es sollte idealerweise schon einen eindruck hinterlassen. aber auch hier gibt es natürlich einen subjektiven faktor. es kommt vor, dass man ein stück, von dem man am abend noch ziemlich begeistert war, am nächsten morgen total vergessen hat. futschikato adios bye bye. das kann nun am stück liegen – und nur dann ist es ein schwaches stück! – oder an mir als leser, weil mir gerade zuviele andere dinge durch den kopf gehen. dann arbeite ich schlecht bzw. unter fragwürdigen umständen. das führt natürlich mitunter zu entscheidungsschwierigkeiten. bei den stücken von l.t. ist es nun aber noch einmal ganz anders: auch bei konzentriertester erster abendlektüre unter optimalen licht-, wärme- und sonstigen versorgungsbedingungen wird man sich morgens beim besten willen nicht mehr daran erinnern, was man da abends von ihm gelesen hat. beim ersten mal jedenfalls nie. herr t. will nämlich, dass man seine stücke mehrmals liest. sein anspruch hat etwas unzeitgemässes. dabei benutzt er einen gleichermaßen einfachen wie genialen trick, um mich beim lesen bei der stange zu halten: er verzichtet auf punkte! stattdessen öffnet er hier oder da eine neue klammer und beginnt so eine neue handlung, führt eine neue figur ein oder wechselt urplötzlich die zeitebene. seiten später schließen sich die klammern dann (fast immer – und wehe, wenn nicht!) auf wundersame weise. am ende des verwickelten fabelfadens pfeffert man den text in die ecke und denkt: was ist das jetzt wieder! gleichzeitig weiß man dann schon, dass er einen mal wieder gekriegt hat, dass man sich bei nächster gelegenheit erneut daranmachen wird, das knäuel zu entwirren – um sich wieder und wieder in seinem textlabyrinth zu verlaufen. bis man sich darin wohlfühlt (und nach ein paar tagen auskennt) wie ein kind in einem fremden, großen urlaubshaus.

Eine Reaktion zu “über gute stücke (und warum man sie nicht vergisst) – teil 1”

  1. ...

    (- off topic -)

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