“Das Ersatztheater boomt” – von Frank Kroll

Überlegungen zum Stellenwert Neuer Dramatik im aktuellen Theatergeschehen (erstveröffentlicht in Theaterheute 12/07)

Jahr für Jahr finden auf deutschsprachigen Bühnen mehr Ur- und Erstaufführungen neuer dramatischer Werke statt, allerorten veranstalten selbst kleinere Stadttheater Festivals mit neuen Stücken. An manchen größeren Häusern hat sich das schöne Modell der Hausautorenschaft etabliert. Dennoch gibt es in Autoren- und Verlegerkreisen größere Unzufriedenheiten mit der Entwicklung der Theaterrezeption im Bereich Neue Dramatik“. In Berlin etwa formierte sich gerade eine Initiative namhafter TheaterautorInnen. Ihr Anliegen ist es, auf die prekäre Situation von Theaterautoren aufmerksam zu machen. Sie beklagen beispielsweise zu geringe Tantiemen und mangelndes Nachspielen ihrer Stücke und fordern eine Klassikerabgabe, die zeitgenössischen Autoren zugute kommen soll. Wird hier “auf hohem Niveau gejammert” oder gibt es nachvollziehbare Gründe für dieses vorsichtige Aufbegehren der Autoren?

Stagnation: Mehr Uraufführungen weniger Vorstellungen

Erfreulich ist der Zuwachs an Ur- und Erstaufführungen auch im vergangenen Jahr.“ – so und ähnlich verkündet der Deutsche Bühnenverein seit Beginn der 90er Jahre jährlich die Entdeckungsfreude deutschsprachiger Theater wie er sie auch in seiner Werkstatistik Wer spielte was?“, die Stücktitel und Aufführungszahlen einer Saison verzeichnet, dokumentiert sieht. Nun lassen sich statistische Erhebungen bekanntermaßen immer unter verschiedenen Blickwinkeln auswerten, je nach Darstellungsinteresse. Ernüchternde Zahlen aus Autorensicht, die sich so in der Werkstatistik des Bühnenvereins nicht finden: Zwar verzeichnet Wer spielte was?“ seit 1990 bis zur letzten (hier) ausgewerteten Spielzeit 2003/04 tatsächlich einen rein numerischen Anstieg von Ur- und Erstaufführungs-Inszenierungen von insgesamt 303 Premieren in der Spielzeit 1990/91 auf insgesamt 454 Premieren in 2003/04, also eine Erhöhung der Inszenierungszahl im Bereich der Entdeckungen“ neuer Stücke um mehr als 30 Prozent. Setzt man jedoch die Anzahl der Premieren insgesamt ins Verhältnis zur Gesamtzahl der tatsächlich gespielten Vorstellungen aller ur- und erstaufgeführten Werke, ergibt sich ein anderes Bild: Der Anteil neuer Werke an der gesamten Vorstellungszahl aller gespielten Werke lag in der Spielzeit 2003/04 noch unter dem Wert der Spielzeit 1992/93, konkret bei 9,3% gegenüber einem Wert von 9,8% zwölf Jahre zuvor. Der höchste Wert der letzten eineinhalb Jahrzehnte wurde in der Spielzeit 2001/02 mit 11,6% erreicht, der niedrigste mit 5,9% in der sogenannten Brecht-Spielzeit“ 1998/99. (Ergebnisse mühsamen Auszählens der unaufbereiteten Zahlenreihen des Bühnenvereins.)Mit anderen Worten: Zwar ist, absolut betrachtet, die Zahl der ur- und erstaufgeführten Werke seit Beginn der 90er Jahre um etwa ein Drittel angestiegen, im selben Zeitraum reduzierte sich die durchschnittliche Vorstellungszahl pro Werk jedoch um ein höheres Maß. Immer mehr Werke werden von den Theatern entdeckt“, erleben dann aber immer weniger Aufführungen. Die Auseinandersetzung mit neuer deutsch- und fremdsprachiger Dramatik stagniert weiterhin auf einem niedrigen Level. Den vielbeschworenen Hype“ mit Neuer Dramatik hat es nie gegeben. Zwischen der Selbstdarstellung der Theater und dem tatsächlichem Bühnengeschehen besteht eine deutliche Diskrepanz. Warum findet sich in den Statistiken des Bühnenvereins kein Hinweis darauf, wie sich neue Dramatik und klassische Werke in den Spielplänen verteilen? Wie viele neue Werke haben nach erfolgten Uraufführungen Eingang ins Repertoire gefunden? Konnte zeitgenössische Dramatik gegenüber den immergleichen erprobten Musiktheater-, Boulevard- und Klassikerpositionen im Lauf der letzten Jahrzehnte Spielräume gewinnen? Wie sieht das Verhältnis zu postdramatischen Theaterformen aus? Welche Verschiebungen haben sich in den letzten Jahren durch die vielen Film- und Prosa-Dramatisierungen ergeben? – Die praktischen Erfahrungen in der Arbeit eines Theaterverlags zeigen, daß neue Stücke – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen – kaum nennenswert “nachgespielt” werden (eigentlich ein irreführender Begriff, weil ja jede Inszenierung einzigartig ist). Sobald das Uraufführungsrecht unter einer Mehrzahl von Bewerbern an ein bestimmtes Theater vergeben ist, erlischt das zunächst vehement bekundete Interesse anderer Bühnen am jeweiligen Werk oftmals abrupt und vollständig. Die Konsequenzen für die betroffenen AutorInnen sind existentiell: Es fehlt schlicht die materielle Basis zum Weiterschreiben.

Autoren subventionieren das Theater

Der Premierenboom betrifft nicht nur neue dramatische Werke. Jede Premiere setzt einen Werbeimpuls. Dem vierlerorts zu verzeichnenden Publikumsschwund soll auch auf diese Weise entgegengewirkt werden. Autoreninteressen werden dabei in aller Regel zuletzt bedacht. Die hohe Zahl der Neuinszenierungen führt dazu, daß neue Stücke nur kurz im Spielplan bleiben. Nicht selten werden Inszenierungen nach nur fünf oder acht Vorstellungen wieder abgesetzt. Es liegt auf der Hand, daß sich dies wirtschaftlich nur rechnen kann (rechnet es sich wirklich?), wenn die Produktionskosten pro Inszenierung reduziert werden. Autorenhonorare werden dabei zunehmend als weiche“ Kostenfaktoren angesehen. Dabei müßte sich längst herumgesprochen haben, daß bei durchschnittlichen Autorentantiemen von unter 100,- Euro pro Vorstellung von dieser Seite nichts mehr zu holen ist. Die zwischen Bühnenverlegerverband und Bühnenverein alljährlich in schwierigen Verhandlungen erstrittenen Tantiemesätze stehen noch immer in einem deutlichen Mißverhältnis zu den Honoraren der festangestellten künstlerischen und nicht-künstlerischen Mitarbeiter eines Theaters. Regiegagen bewegen sich längst in fünfstelligen Bereichen. Bühnenbildner, Requisiteure, Regieassistenten wie Bühnentechniker erhalten fixe Gagen oder Gehälter. Autorenhonorare hingegen werden pro Vorstellung und damit risikoabhängig entlohnt. Eine Gegenüberstellung der Bezüge (auch diese fehlt in Wer spielte was?“) ergäbe, daß Autoren nicht selten wie Garderobenaushilfskräfte bezahlt werden. Bei allem Respekt vor den verschiedenen Theaterberufen: Hier sind die Relationen verrutscht. Vor dem beschriebenen Hintergrund steigender Premierenzahlen wird es nachvollziehbar, warum Theaterkaufleute es konsequent ablehnen, Autoren und ihren Verlagen Vorstellungszahlen zu garantieren. Uraufführungszuschläge sollen künftig nur für die ersten drei Stücke eines Autors fällig sein. Auch hier soll gespart werden, wo nichts einzusparen ist. Immer öfter ist statt dessen davon die Rede, daß junge Autoren doch dankbar sein sollten, daß man sie überhaupt spielt. Der Umgangston wird von Jahr zu Jahr feindlicher. Dabei ist es nicht einzusehen, warum Theater für das öffentlichkeitswirksame Abreißen des UA-Siegels, mit dem ja immer auch ein Werbe-Mehrwert für das jeweilige Haus verbunden ist, keine zusätzliche finanzielle Kompensation leisten sollten. Jedenfalls so lange, wie es bei einzelnen Inszenierungen von Stücken bleibt. Aber: Auch für renommierte Autorinnen und Autoren mit einzelnen, vielgespielten Werken gilt die Tantieme-Deckelung der “Regelsammlung” (eine Art Manteltarifvertrag zwischen Bühnenverein und Verlegerverband). Im regulierten Markt des Theaterschreibens werden alte Hasen wie Newcomer behandelt: Die Tantiemesätze sind für alle gleich. Ein Umstand, der in anderen künstlerischen Bereichen – beispielsweise in der bildenden Kunst – undenkbar wäre. So wirkt sich das bescheidene Niveau der Autorenhonorare wie eine zusätzliche Subventionierung des Theaters aus. Gleichzeitig weicht die Selbstverständlichkeit, Autoren an den öffentlichen Theater-Subventionen in gebührendem Maße teilhaben zu lassen, mehr und mehr krämerischem Verhandlungsgebaren – letztlich um ein paar Euro.

Ersatztheaterformen

Es sind in aller Regel andere als finanzielle Gründe, die junge Autorinnen und Autoren dazu bewegen, fürs Theater zu schreiben. Niemand erwartet ernsthaft, es in diesem Metier zu nennenswertem Wohlstand zu bringen. Es wird – ganz unpathetisch – für die Kunst geschrieben. In der Hoffnung, daß diese dann auch stattfindet. Die Auseinandersetzung mit neuen Stücken an den Theatern vollzieht sich jedoch nicht selten unter fragwürdigen Umständen. Die überwiegende Zahl der Inszenierungen neuer Stücke findet in Nebenspielstätten statt. Ein Studiotheater muß kein schlechter Raum für die Entdeckung eines neuen Stückes sein. Neue Werke mit etwas größerer Besetzung bekommen hier jedoch schnell Atemnot. Nicht wenige Autorinnen und Autoren haben über die Jahre mit “kleinformatigen” Stücken auf diesen Trend zu reagieren versucht. Gleichzeitig hat der gestiegene Event-Bedarf der Theater zur Ausbildung eigener, schneller“ und junger“ Darbietungsformen jenseits normaler Inszenierungen geführt. Die Zahl der szenischen Lesungen, der Werkstattinszenierungen und kleinen Autorenspektakel nimmt weiter zu. Neben inszenatorisch zurückhaltenden Tisch-Lesungen“ haben dabei die an-inszenierten“ Formen in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Dort treffen dann nicht selten ambitionierte Regieassistenten auf über- und gleichzeitig unterforderte Schauspieler, die nach wenigen Stunden Probenzeit zwangsläufig an komplexeren Figurenzeichnungen und Vorgängen scheitern. Wo Autorenförderung betrieben werden soll, wird ungebremst in psychologische Fallen getappt, werden Stückmöglichkeiten nicht selten mit falscher Emotionalität, Betroffenheitskitsch oder schepperndem Requisitenspiel unter besten Absichten begraben. Kleine Tischfeuerwerke neuer Dramatik, die nach einmaliger Veranstaltung wirkungslos verpuffen. Gleichzeitig werden szenische Lesungen und sogenannte “Werkstattinszenierungen” mittlerweile mit dem Aufwand normaler Premieren beworben. Solches Ersatz- oder Instant-Theater bedeutet dann mitunter auch schon das Ende für die dort vorgestellten Stücke. Das Uraufführungssiegel ist abgerissen, die Entdeckung“ vollzogen, nur selten kommt es am betreffenden Haus selbst oder an anderen Theatern in der Folge noch zu einer seriös gearbeiteten Inszenierung mit normalen Konzeptions- und Probenzeiten. Neue Stücke, die es auf größere Bühnen schaffen, bleiben die Ausnahme.

Profilierungsbedürfnisse

Das Regiekarussell rotiert immer rasanter. Das führt zwangsläufig zu Lösungen von Bindungen im sozialen Kunstprozeß Theater und bleibt nicht ohne Konsequenzen für die Gegenwartsdramatik. Dem Publikum vor Ort ist es in der Regel völlig egal, ob ein gutes Stück vor zwei, fünf oder zehn Jahren schon anderswo gezeigt wurde. Man will gute Stücke in zeitgemäßen Inszenierungen sehen. Will aber ein Theater in der Region junge Regieleute ans Haus holen, verlangen diese vehement nach neuen, unaufgeführten Stücken, damit der eine oder andere maßgebliche Kritiker einen Anlaß zum Besuch der Regie-Durchreisestation hat. Denn nur die Beachtung des überregionalen Feuilletons, so die verbreitete Ansicht, bietet die Aussicht auf Beförderung zum nächsten Reiseziel: dem nächstgrößeren Stadt- oder Staatstheater. Es läßt sich immer wieder beobachten, daß es die fehlende Bindung der Regisseure an ein Haus, ein Ensemble, ein Publikum oder an eine Stadt ist, die zu problematischen Stückentscheidungen führt. In der Theaterleitung sieht man sich dann im paradoxen Zugzwang, den Regie-Ansprüchen nachzukommen, wenn man den einen oder anderen Regisseur überhaupt für kurze Zeit ans Haus “binden” will. Häufig ist es aber auch die Dramaturgie vor Ort, die von aufstrebenden Regieleuten Uraufführungs-Vorschläge erwartet. Beides sind theatergesteuerte Entwicklungen eines regiefixierten Kunstbetriebs, die sich negativ auf die Folge-Rezeption von Gegenwartsdramatik auswirken. Derzeit kippt“ der falsch regulierte Markt. Das Feuilleton reagiert immer müder und abwehrender auf die ständig steigende Zahl von Ur- und Erstaufführungen. Die Reisebudgets der großen Tageszeitungen sind in den letzten Jahren weiter zusammengestrichen worden. Das Übermaß der Angebote führt nun dazu, daß selbst herausragende Inszenierungen in der “Provinz” nicht mehr wahrgenommen werden. Der selbstverordnete, inflationäre Entdeckungszwang schlägt gegen die Theater zurück. Trotz vehementer Öffentlichkeitsarbeit bleibt die erhoffte überregionale Resonanz aus. Und erst mit dem Ausbleiben der Feuilleton-Wirkungen geraten die Ansprüche des örtlichen Publikums wieder stärker ins Blickfeld der Dramaturgien, so scheint es. In den Theatermetropolen sehen die Spielpläne nicht viel einfallsreicher aus. Allerorten scheinen Auslastungszahlen die Spielpläne zu bestimmen. Nur zwei Inszenierungen mit Stücken lebender Autorinnen (Jelinek und Reza) fanden sich in der Auswahl des diesjährigen Berliner Theatertreffens. Wo bleiben die herausragenden Inszenierungen neuer dramatischer Werke?

Förderung und Scheinrezeption

Neue, starke Stücke sind da – man muß sie nur wahrnehmen. Vielleicht werden wichtige Stücke seltener geschrieben, als es die jährlich prall gefüllten Verlagsankündigungen und die Festivalprogramme mit neuer Dramatik erscheinen lassen. Vielleicht züchtet ein mitunter kunstgewerblich anmutendes System der Autorenförderung, das in der Breite nach Novitäten verlangt, eher mittelmäßige als herausragende Dramatik. Die Beteiligten müssen sich die Frage stellen, worauf eine Förderung denn zielen soll, wenn es bei der Tendenz zur folgenlosen Uraufführung bleibt. Über die Jahre hat das Ersatztheater“ größere Erwartungen bei einer Vielzahl junger Autorinnen und Autoren geweckt, denen selbst die beschriebene oberflächliche Beschäftigung mit neuen Theatertexten bei Instant-Theaterveranstaltungen Anreiz genug ist, sich aufs Schreiben für die Bühne zu verlegen. Nur selten lassen sich nach einer ersten szenischen Präsentation oder gar einer Uraufführung weitergehende Erwartungen dann aber einlösen. Vorsicht bei der Berufswahl!“ will man den vielen Talenten angesichts der dürren materiellen wie künstlerischen Perspektiven zurufen. Neben den nachrückenden freien Autorinnen und Autoren sorgen AbsolventInnen von Autorenwerkstätten und Schreib-Studiengängen für einen steten Nachschub an selbstbewußten Autorenpersönlichkeiten mit neuen Stückangeboten und ausgeprägten Schreibweisen. Im Moment steht jedoch zu befürchten, daß es auf unbestimmte Zeit immer wieder nur einzelnen Autorinnen und Autoren gelingen wird, mit ihren Stücken regelmäßig in den Spielplänen zu erscheinen. Die verbreitete Ersatztheater-Praxis erzeugt eine Scheinrezeption, nicht selten mit der Konsequenz, daß gerade noch als Entdeckung gefeierte Autorinnen und Autoren nach einer ersten oder zweiten Uraufführung schnell wieder in Vergessenheit geraten.

Was aber ist ein gutes Stück?

Es ist nach wie vor eine ungemein reizvolle Aufgabe, sich auf die Suche nach Stücken zu begeben, die in ihren sprachlichen und formalen Dimensionen, in ihrer Welthaltigkeit und Originalität aus der Flut des täglich Geschriebenen herausragen. Trotz aller Subjektivität der Beurteilung und trotz der Disparatheit heutiger Schreibansätze läßt sich bemerken, daß die unterschiedlichen Formen des Ersatztheaters die Maßstäbe in den letzten Jahren deutlich verschoben haben. Viel Begrenztes, Kleinformatiges, Vorläufiges, Unausgegorenes und Privates war da zu lesen. Das Ersatztheater beförderte eine neue Genügsamkeit dramatischer Ausdrucksbedürfnisse, so schien es. An dieser Stelle des Systems liegt die Entscheidung für eine Veränderung der Strukturen in der Verantwortung der Autoren, mit besser recherchierten und stärker durchgearbeiteten Stücken und mit einem professionellen Anspruch an das eigene Schreiben einen Beitrag zu leisten für einen erwachseneren Umgang der Theater mit zeitgenössischer Dramatik. Im Moment ist eine Rückbesinnung auf größere Stoffe zu verspüren. Figuren werden wieder vor breiteren sozialen Hintergründen entwickelt, historische Bögen mit leichter Hand gezogen. Das ist eine erfreuliche Tendenz. Viele interessante neue Stücke kümmern sich nicht um vorgegebene Formate und eingeübte Spielweisen. Das Wissen um den starken Regiezugriff hat den kreativen Widerstand eines sich über seine Inhalte und Formen bewußten Schreibens herausgefordert. Gefragt sind jetzt Regisseure, die sich neuen Stücken auf dieselbe Weise nähern wie klassischen Werken – mit Respekt und Enthusiasmus in der Auslotung inhaltlicher Facetten und spielerischer Möglichkeiten.

Ausgrenzung oder nachhaltige Rezeption?

Viele Bühnen sehen sich einem unverminderten Kostendruck ausgesetzt, obwohl sie spätestens seit Mitte der 90er Jahre massive Mittelkürzungen und schmerzhafte strukturelle Veränderungen umsetzen mußten. Unter diesen schwierigen Bedingungen kann es keine Lösung sein, finanziellen Druck an Autoren weiterzuleiten. Auch unter theaterökonomischen Gesichtspunkten muß es fragwürdig erscheinen, wenn problematischen kulturpolitischen Vorgaben mit einer Reduzierung von Autorenhonoraren begegnet werden soll. Der Zusammenhang läßt sich auch allgemeiner beschreiben: Ein Theater, das sich hinsichtlich seiner Gegenstände, seiner Produktionsweisen und seiner Wirkungen als soziale Kunst versteht, betreibt die Ausgrenzung des Autors aus dem Kunstprozeß Theater, wenn es ihn nicht in angemessener Weise an den öffentlichen Kulturinvestitionen teilhaben läßt. Auf die Dauer werden sich neue Publikumsschichten mit den immer gleichen mutlosen Spielplänen, mit weiteren Projekttheater-Positionen und gelegentlichen Autoren-Events aber vermutlich nicht binden lassen. Das Theater braucht Autorinnen und Autoren – und sollte sie pflegen. Am Horizont erscheinen anglo-amerikanische Verhältnisse. Im englischsprachigen Theaterbetrieb beispielsweise kann eine überschaubare Zahl zeitgenössischer Autoren über ein knallhartes Agentursystem immense royalties verlangen, weil der Markt dort wirtschaftlich, aber eben auch inhaltlich bereinigt“ ist. Hierzulande müßte es aber doch eher darum gehen, das Verhältnis zwischen Theaterpraxis und zeitgenössischer Dramatik neu zu bestimmen – jenseits jugendlich-peppiger Alibibeschäftigungen und jenseits einer hasenfüßigen Spielplanpolitik, die nur auf Erprobtes setzt. Es wäre bereits einiges damit erreicht, wenn sich das Modell der Hausautorenschaften weiter verbreitete. Die wichtigste Forderung muß aber weiterhin lauten: Endlich mehr neue Stücke in möglichst prominenter Besetzung in seriös durchgearbeiteten, wilden, sinnlich-prallen oder asketischen Inszenierungen auf die mittleren und großen Bühnen! Nur hier können sie ihre Wirkung entfalten und ihre Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem erprobtem Kanon beweisen. Positive Beispiele machen Mut (gerade auch in den Regionen, siehe Osnabrück, Wilhelmshaven, Rostock, Konstanz, Graz und anderswo). Starke Stücke, die auf Entdeckungen warten, gibt es sowieso. Im deutschsprachigen Theater steht zuviel auf dem Spiel, als daß es nur ums Geld gehen sollte. Die Quote dem Privatfernsehen. (Frank Kroll leitet den Theaterbereich des henschel SCHAUSPIEL Theaterverlags in Berlin, war 1999/2000 Dramaturg am Theaterhaus Jena und ist Mitglied des flämisch-deutschen Übersetzerkollektivs “Franz Rabe”.)

6 Reaktionen zu ““Das Ersatztheater boomt” – von Frank Kroll”

  1. Martin Baucks

    Lieber Frank Kroll,

    ich weiß gar nicht, ob das Problem bei dieser Form von Surrogat oder Ersatztheater liegt. Ich habe da meine Zweifel. Gerade in das Studium einer Heiner Müller Biographie vertieft, muss ich nochmals schmerzhaft erleben, neue Theaterformen, oder eben auch einer neuer Stil von Dramatik ist gar nicht unbedingt von Nöten, denn hierzu fehlt ganz entschieden ein offen ausgetragener gesellschaftlicher Grundimpuls, der sich nach einem neuen Ausdruck sehnte, ihn, ja, vielleicht sogar immanent forderte, weil er “Unausgesprochenes” sagen würde. Etwas mitteilte, das wir tatsächlich noch nicht wüßten, und dieses “Nicht Gewußte” fordere eventuell sogar nach einer neuen Form für diesen unbekannten Inhalt. Ich glaube es mangelt uns eher an dieser “offenen Situation” die unsere Dramatik herausfordern würde. Verdeckt mag es da eine Debatte geben. Aber ob ihr schon genug Kraft inne wohnt, um Stücke hervorzubringen die wirklich zwingend wären, und dringend allerorts nachgespielt werden müssten, ja, einfach nachgespielt würden, auf Grund der ihr eingeschriebenen Notwendigkeit…da, an dieser Stelle würde ich gerne einmal gemeinsam weiterdenken wollen.

    mit herzlichen Grüßen

    Ihr
    Martin Baucks

  2. fk

    Lieber Martin Baucks, ich würde ja gern mit Ihnen gemeinsam weiterdenken, bin mir aber nicht sicher, ob ich richtig verstanden habe, was Sie mit “das Problem” und einem “offen ausgetragenen gesellschaftlichen Grundimpuls” meinen. Um welches Problem geht es Ihnen denn genau? Und: Wann war dieser Grundimpuls zuletzt da, Ihrer Empfindung nach? – Ich finde eine ästhetische Debatte über Notwendigkeit, Relevanz, Form und Inhalt neuer Stücke sehr wichtig. Aber: Andere wichtige Fragen sind für mich die nach einer angemessenen Honorierung von Autorinnen und Autoren und nach dem Umgang der Theater mit ihren Werken. Das leichthändige Beiseitefächern konkreter Forderungen mit dem irgendwie kulturkritisch-abgeklärten und geschichtspessimistischen Hinweis auf fehlende Kunst-Herausforderungen (welcher Art denn genau?) finde ich problematisch. Möglicherweise habe ich Sie aber auch völlig missverstanden? Dann klären Sie mich bitte auf. – Frohes Neues!

  3. Martin Baucks

    Lieber fk,

    so aufmerksam ich zur nächtlichen Stunde noch sein kann, ich bin mir sicher, es gibt Kunst-Herausforderungen, die nicht leicht zur Seite zu fächern sind; und natürlich habe ich ganz naiv rückwendig gedacht, als ich den Namen Müller erwähnte; da bildete sich also ein neuer Staat, der nicht zufrieden damit war auf Brecht und Segher zurück zugreifen zu müssen, und in eine neue Textproduktion einstieg. Warum gab es diesen Impuls nicht nach der Wiedervereinigung ? – Oder sind wirklich Richter, Schimmelpfennig und Bauersima die Antwort auf die neue historische Situation ? (…und viele, die noch zu nennen wären…) ?

    Es tut mir so leid, ich muss erst meine Inszenierung zu Ende bringen, um danach dann präziser zu werden. – Aber gibt es nicht wiederum ein neues Menschenbild, welches noch gar nicht geklärt ist, schon gar nicht abgeklärt zu betrachten ist, das wir erschreiben und Sie lektorieren müssten ?

    Es tut mir weh, ohne das Sie verantwortlich wären, dass Sie mir Geschichtpessimismus vorwerfen wollen; ganz im Gegenteil, da schreitet etwas voran, welches dringend dramatisch erfasst werden sollte. Und wie sehr wünschte ich mir das Theater wäre in seiner Unmittelbarkeit jenes Medium. Aber mit Blick auf meinen jungen Sohn fürchte ich mich. Es gibt soviele andere ästhetische Angebote, die nicht das menschliche Leid fokusieren, sondern eine Paraphrase über jenes, und diese Angebote sind viel leichter erreichbar für junge Menschen, in ihrer Rezeption voraussetzungloser. – Wie soll ich nur darauf antworten, was denn dieser “offen ausgetragene gesellschaftliche Impuls ” sein sollte ?

    Ich kann doch jetzt nicht wild rummenscheln. Das wäre sentimental. Aber eine Heldendefinition, oder Heldinnendefintion, die in dieser komplexen Realität auf dem Theater abbildbar wäre, so etwas sehne ich mir als Stück schon herbei. Figuren, die nicht ihre Würde gegenüber der Wirklichkeit vorab verloren haben, deren Drama schon vor dem ersten Akt abgelaufen ist; Figuren die sich behaupten können, ohne sinnlos phatetisch zu sein, und wiederum eine neue Betroffenheit im Zuschauer auslösen. Beispiele stiften, Verhaltensmöglichkeiten, die auch für durchschnittliche Menschen anwendbar wären, um würdevoll in ihrer Wirklichkeit zu bestehen.

    Ich spüre selber, diese Allgemeinplätze sind verachtenswert. Aber es gibt eben eine neue “Ohnmachtssituation” die von einem “kollektivem-Ich” erduldet werden muss; und dieses Erdulden verlangt nach neuen dramatischen Handlungssträngen, Ästhetiken und Formen. Da haben Sie völlig recht,…und es wird sehr viel Zeit und Geld kosten Autoren die Grundlagen zu geben, an dieser “Aktualität” arbeiten zu dürfen. – Man müsste auch wieder Bücher von ungespielten Stücken herausgeben, die vielleicht nie uraufgeführt werden, aber einen Schritt in diese Richtung beschreiben. Viele Müller Stücke sind so verspätet aufgeführt worden, dass man es fast nicht glauben kann. Aber welcher Verlag kann es sich leisten dramatische Texte zu veröffentlichen, die nur richtungsweisend sind, und “noch nicht ” bühnentauglich.

    Glauben Sie mir, ich wäre gerne um vieles genauer, allein, es fehlt mir die Zeit, der Broterwerb fordert seinen Tribut; aber mit Blick auf meine jetzigen Darstellerinnen, die zum Teil so schauerlich arm sind, glaube ich, es ist eine Schande, dass diese Gesellschaft sich Armutsformen erlaubt, die sie wirklich nicht nötig hätte, wenn sie endlich von einer Form des Lohnerwerbs Abstand gewinnen würde, der die “Arbeit” als einen Fetisch betrachtet, und nicht als ein “verschwindendes gesellschaftliches Element”.

    Der Mensch wird aus der Produktion verschwinden, wie das Pferd aus der Agrarwirtschaft. Wie dann seine Entlohnung aussehen sollte, dies wäre schon eine öffentliche Debatte wert, und es würde der Ästhetik meines Weltbildes entsprechen, wenn Dramatiker und Lektoren diesem noch zu erarbeitenden “Menschenbild” künstlersisch impulsiv zuarbeiten würden.

    Verzeihen Sie bitte, wenn ich ihrem Kommentar nicht detailreicher erwidern kann.

    Auch Ihnen

    ein gutes neues Jahr.

    Herzliche Grüße

    Ihr Baucks

    P.s.: Und hoffentlich treffen Sie im neuen Jahr auf Texte, die unsere vielleicht gemeinsame Debatte aufgreifen.

  4. fk

    Lieber Martin Baucks, Sie fordern von neuer Dramatik “Figuren, die nicht ihre Würde gegenüber der Wirklichkeit vorab verloren haben, deren Drama schon vor dem ersten Akt abgelaufen ist; Figuren die sich behaupten können, ohne sinnlos pathetisch zu sein, und wiederum eine neue Betroffenheit im Zuschauer auslösen. Beispiele stiften, Verhaltensmöglichkeiten, die auch für durchschnittliche Menschen anwendbar wäre, um würdevoll in ihrer Wirklichkeit zu bestehen.” – Ich weiß nicht, was an Ihrem schönen Anspruch “verachtenswert” sein sollte. Und es gibt ja auch Autoren, die solche Stücke schreiben. Um jetzt nur ein Beispiel zu nennen: Nehmen Sie den Autor Fritz K.: Die Haltungen seiner Figuren weisen immer über ihre konkrete gesellschaftliche Situation hinaus, sie erscheinen eingebettet in eine persönliche und die große politische Geschichte, sie sind ausgerüstet mit Mythenmaterial, aus dem prallen Leben gegriffen und immer auch etwas größer als der Alltag, sie ringen um ihre Würde in schwierigen Verhältnissen, heimatlos eingespannt zwischen zwei Zeiten, zurückgeworfen auf ihre Träume von einem besseren Leben, sich festklammernd an Utopietrümmern. Übrigens werden seine Stücke – trotz zweifacher “Dramatiker des Jahres”-Auszeichnung in Mülheim, trotz Buchausgaben und Stückabdrucken – jeweils gerade von einer Handvoll Theatern gespielt, meistens im Studio. Immerhin von Hamburg, Rostock, Wien, Leipzig oder Bregenz bis Berlin. Was meinen Sie, wie oft ich mir aber unterwegs Dramaturgensätze habe anhören müssen wie: “Ach, diese Ostgeschichten, das geht hier nicht, dazu fehlt uns das Publikum.” Gut, dass der Autor einen Zweitjob hat (als ständiger Mitarbeiter einer Firma für Design-Controlling, so steht es jedenfalls in seinem Lebenslauf)… – Viel Erfolg für Ihre Inszenierung. Was inszenieren SIE denn gerade so – und warum? fragt neugierig mit schönem Gruß – fk

  5. Martin Baucks

    Lieber fk,

    ich geriet durch eine Erkrankung eines Darstellers in die Notsituation mich ganz schnell für ein neues Stück zu entscheiden und arbeite gerade mit zwei Frauen und einem Mann der Gruppe Ratten 07 an “Der Horatier” und “Medeamaterial” von Müller. Medea erzählt ihrer Amme die Geschichte des Horatiers, um ihre eigene Tat so gut es geht eventuell zu entschulden, und um dann in einem zweiten Zug ihren Bruder und Kindermord im Ansatz zu verarbeiten. Sie kämpft um ihre Würde und versucht sich wieder herzustellen. Während der Probenzeit wurden wir, so schien es mit einer Unzahl von Kindermorden durch Mütter konfrontiert, was unsere Auseinandersetzung neu befeuerte; aber eventuel sind diese Nachrichten in ihrer Vielzahl auch nur mediengesteuert. – Ich finde meinen Anspruch an Stückfiguren nicht “verachtungswert”, ich fühle mich nur unwohl, wenn ich meine durch Zeitmangel in Allgemeinplätzen zu verharren.

    Nun habe ich ihren Artikel nochmals gelesen. Vielleicht haben sie Recht, vielleicht gibt es die Stücke, die ich mir herbei sehne längst, aber sie werden nicht hinreichend gewürdigt, und im Betrieb durch zu kurzgreifende Produktionsweisen untergewühlt; und natürlich wünsche ich mir auch eine Vermarktung und Nachspielkultur die es Autoren erlaubt von ihrer Arbeit zu leben. Ich wollte aber einmal auch daraufhinweisen, dass wir Autoren oft gar nicht mehr Figuren konzipieren, die die Wucht einer “Nora” oder “Gabler” haben, so wie sie zu ihren Uraufführungen wahrgenommen wurden, und da schwingt durchaus Selbstkritik mit. Vielleicht reagieren wir ja längst unbewußt auf die von Ihnen gut beschriebene Marktsituation, und verlieren uns im Kleinteiligen, schnell Hingeworfenem. Mann muss ja auch auf diesem Markt bleiben, und dafür immer neu produzieren. Ich hoffe, Sie haben tatsächlich recht damit, dass es mittlerweile den Mut zu größeren Stoffen und mehr Welthaltigkeit gibt, zu einer kraftvollen Durcharbeitung der Stücke von Seiten der Autoren. Aber Titelfiguren, die sich in meiner Generation als “große Helden” durchgesetzt hätten, und eine breite Wahrnehmung erfahren hätten, an solche Fälle kann ich mich kaum erinnern. Solche Würfe gelingen selten und werden vom Markt auch nicht recht abverlangt. Da ist doch das Kleine, Leichte oft schneller angenommen und vermarktet. Größere Stoffe, die wirklich polarisieren, und ein Publikum spalten könnten, ja, vieleicht sogar auf Grund ihrer Inhalte, vielleicht sogar politischer Inhalte, ich glaube, die werden doch schnell aussortiert. Manchmal hege ich sogar den Verdacht, eine solche Wucht gilt heute als übertrieben und unangemessen, wird im schlimmsten Fall als schlechte Qualität von den Dramturgen wahrgenommen, als zu drastisch. Es herrscht so ein Grundton vor, dass es an sich eine echte Tragik und Dramatik im Leben einer Bühnenfigur gar nicht mehr geben könnte. Und wenn so eine Figur auftaucht, wird sie schnell ironisiert. Grundsätzlich glaubt doch der Betrachter und auch die Verantwortlichen Macher oft gar nicht mehr an ein unausweichliches Schicksal von Bühnenfiguren, oder auch wirklichen Menschen, die in prekären Lebenslagen ausharren. Die müssten das doch eigentlich bei den heutigen Möglichkeiten unserer Gesellschaft selber hinbekommen, eine Lösung für ihre Lage, für ihren Konflikt; ja, ihr dramtischer Konflikt wird ziemlich schnell ihnen selbst angelastet, und das beraubt sie ihrer Tragik, macht sie schnell zu lächerlichen, inkompetenten Gestalten, die man Beiseite schieben kann, nicht weiter beachten muss.

    Hier gilt es als Autor eine gewisse “Ignoranz” bei Zuschauern und Machern zu durchbrechen, und davor scheue ich oft selber beim Schreiben zurück, weil ich vielleicht unbewußt mitdenke, während des Schreibens: Das kauft dir so oder so keiner ab, und wenn wird die Tragik der Handlung reflexartig stark relativieren, und dann ist die Wirkung des Stückes schon gemindert. Wenn Fritz K. dies so gut gelingt, dann sollte er wirklich eine andere Rolle auf den deutschen Bühnen spielen. Und ich glaube ihnen gerne, dass Sie sich in diesem Zusammenhang viele seltsame und mutlose, gelangweilte Kommentare anhören müssen.

    Ich selber habe mich mit Fritz K. nur wenig auseinander gesetzt und würde das gerne ändern. Schicken Sie mir ein, zwei Stücke von ihm an meine Mailadresse ? Das wäre sehr nett. – Ich weiß, ich hätte seine Stücke längst genauer wahrnehmen sollen, denn er hat ja einen hohen Stellenwert, aber dann las ich zwei Texte von Frau Hilling und von diesem und jenem, und ich will auch gar nicht über diese Werke herfallen, und dann plötzlich endet mein Fleiß in der Rezeption neuer Stücke, obwohl ich selber auch Autor bin, weil ich doch immer ein wenig enttäuscht werde, wenn die Theater wieder ein junges Opfer gefunden habe. Dann denke ich vielleicht an Namen wie Kerstin Specht oder Simone Schneider und fürchte mich davor, dass auch die neuen, gerade frisch gehypten Autoren/innen in zwei drei Spielzeiten schon wieder vergessen sind, und dann verdränge sogar ich meine Pflicht, mich intensiv mit neuer Dramatik auseinander zu setzen, weil man schon immer das Ende dieser Hypes fast meint vorausahnen zu können, und dabei wird man traurig und unfreiwillig nachlässig. Irgendwie weiß man, dass viele Intendanten es mit den ausgewählten frischen Autoren nicht wirklich ernst meinen. Sie sind nicht wirklich auf der Suche nach dem neuen Botho Strauß oder Turrini oder, oder, oder…, den Nachfolgegeneration traut man solche Größe nicht wirklich zu, fürchte ich oft. Da sind die Schatten der vermeintlich Großen doch sehr lang, oder werden häufig auch künstlich verlängert. Als ob die Nachfolgegenerationen nicht wirklich in Zeiten aufgewachsen wären, die große Dramtik überhaupt zuläßen, denn eigentlich geht es den jungen Autoren ja doch gut, bei soviel “Förderung”, und sie leben in Zeiten, meint man vielleicht, die weniger dramatisch sind, weniger umkämpft, da werden eben keine großen Konflikte mehr ausgetragen, was zwar nicht stimmt, aber häufig eben so wahrgenommen wird; sollen sie also mit ihren Stückemärkten, Werstattinszenierungen und anproduzierten Aufführungen doch zufrieden sein, denn hin und wieder wird ja doch mal ein Stück auf der großen Bühne richtig produziert, und so ist doch eigentlich alles in Ordnung. Auf der großen Bühne echte gesellschftliche Konflikte austragen, die nicht nur Pseudoskandale sind, sondern wirklich unter die Haut gehen, das wäre doch irgenwie doch peinlich, will ich einmal polemisch, lakonisch und leicht provozierend enden.

    Gruß

    Ihr
    Baucks

  6. Anne Kerstin Kuhlmeyer

    Lieber Herr Kroll, lieber Herr Baucks,

    beeindruckt und erschüttert las ich Ihren Dialog. Was ist denn eigentlich in den letzten 20 Jahren passiert, in denen ich einfach gelebt und mir das Geschehen auf jeglichen Bühnen aus den Augen geraten ist? Die ganze Zeit hing ich der Phantasie an, dass sich die Reflexionen unserer Zeit auf den deutschen Bühnen abspielen, während ich auf dem Lande versauere. Klar, ich habe ein paar Leben gerettet, weil das mein Beruf als Anästhesitin ist. Ich habe auch ein paar Leute vom Suizid abgehalten, weil das mein Auftrag als Psychotherapeutin ist. Ich hatte das Drama quasi immer live, mehr oder weniger theatralisch (im negativ besetzen Sinne) präsentiert. Aber wie es scheint hat sich meine wahrgenommene Realität: die Nöte und Verstrickungen, in denen sich Menschen bewegen, die Vereinzeilung und Folgen der gesellschaftlichen Individuation, die mediale Gleichschaltung und Irreführung, die Folgen von ungebremsten Materialismus, die Sinnentleerung na, usw. so gar nicht auf der Bühne abgebildet. Oder habe ich Sie und die anderen Blog – Teilnehmer falsch verstanden?
    Seit ein paar Jahren habe ich mich entschlossen, etwas tun, was mit meiner Tätigkeit am Existentiellen wenig gemein hat. Ich schreibe ein bisschen Prosa, jetzt mal ein Drehbuch, so Zeug halt. Etwas, was kein Mensch wirklich braucht. Das macht Spaß und das ist der Zweck der Übung. Aber ich schreibe natürlich über die Dinge, die ich erfahren habe: häuslich Gewalt, über das Fremdsein, über die “zweite Generation” … sowas eben. Klar, macht slapstick auch mal Freude. Aber Unterhaltung bekomme ich Tag und Nacht, wenn ich will. Will ich aber nicht, jedenfalls nicht dauernd. Und “Faust” in der 3000sten Inszenierung will ich schon mal gar nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum es mich nicht ins Theater zog. Wahrscheinlich muss ich nun doch mal hin und mir das Ganze aus der Nähe ansehen – auf einer Studiobühne.

    herzliche Grüße aus der Provinz

    Anne Kerstin Kuhlmeyer

Einen Kommentar schreiben