Logo henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin GmbH

 

theaterautoren


Bild: Thomas Martin

Thomas Martin

Thomas Martin, geboren 1963 in Berlin/DDR - Dramatiker, Lyriker, Publizist, Regisseur. In Ostberlin aufgewachsen, war Martin nach dem Abitur u. a. als Transportarbeiter u. Bühnentechniker tätig. Seine literarische Produktivität begann mit der Veröffentlichung von Lyrik, Prosa u. Essays in Zeitungen, Zeitschriften u. Anthologien seit 1987. Ab 1990 erschienen Reportagen, Rezensionen u. Kolumnen u. a. in "FAZ", "taz" u. "Freitag". Als Regieassistent, Dramaturg u. Autor am Deutschen Theater Berlin (1988-1993) arbeitete Martin mit Heiner Müller und Frank Castorf zusammen. In Venedig (1992-94) inszenierte er mit der von ihm gegründeten freien Theatergruppe "Teatro Furioso" u. a. Brecht, Shakespeare u. Maeterlinck. 1996 als Dramaturg am Berliner Ensemble sowie 1997-1999 als Redakteur der Berliner Zeitschrift "Sklaven" tätig, lebt Martin heute als freier Autor in Berlin. 2003 und 2006 leitete er die Internationalen Brecht-Tage im Literaturforum Berlin. Seit 2010 ist er Chefdramaturg an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Aufsehen erregte Martin in der Theaterszene zunächst mit Adaptationen u. Neubearbeitungen: Castorf inszenierte Martins Strindberg-Dramatisierung "Schwarze Fahnen" (Urauff. 1997 in Stockholm) sowie "Krähwinkelfreiheit (Karambolage nach Nestroy)" (UA 1998 Burgtheater Wien). Die >Compagnie Scènes< (Lyon) unter der Leitung von Philippe Vincent, mit Martin seit 2001 in enger Zusammenarbeit verbunden, führte seine "Orestie"-Bearbeitung 2007 u.a. in Korsika, Marseille, St. Etienne u. Lyon auf.

  • Blackbox. Ein Stück vom Fliegen
    Titel bestellen:

    Textbuch

    PDF

    Chor, Besetzung variabel

    Ein Passagierflugzeug ist entführt worden und wenig später abgestürzt. Ein Chor rekapituliert den Ablauf der Geschehnisse im Inneren der Maschine. Der Menschheitstraum vom Fliegen erscheint als Höllenfahrt, die Flugzeugkabine wird zur Druckkammer gesellschaftlicher Zerfallserscheinungen. Übrig bleiben verkohlte menschliche Reste, ein Haufen Schrott und verworrene Stimmaufzeichnungen eines Flugschreibers. Immer wieder treten Einzelne aus dem Chor, ihren Rollen, aus der fatalen Entwicklung der Ereignisse heraus. Ein Spiel beginnt, in dem es um Bewegung und Beharren im übertragenen Sinne geht. Opfer- und Täterperspektiven vermischen sich. "Ist es nicht so / Daß der Terror, dem du Opfer zu sein glaubst / In dir wohnt? Sitzt er nicht / Im Zentrum, bist es nicht du / Der einzeln und allein / Beharrt auf irgend etwas? / Bist es nicht du? / Ist es nicht doch dieses / Ich oder alle?" Anknüpfend an den realen Fall einer Flugzeugentführung am 11. September 2001 entstand ein sprachlich stark verdichtetes Lehrstück, das zu formbewußten szenischen Umsetzungen herausfordert.

    frei zur UA

    :

  • Blutsbrüder
    Titel bestellen:

    Textbuch

    PDF

    Cliquenturbo
    nach Ernst Haffner
    3 D, 8 H

    Das Buch von Ernst Haffner ist ein Sog, geschrieben von einem Sozialarbeiter im Tatsachenrausch, auf einer Hetzjagd zu Fuß, in der S-Bahn, dem Bus, durch die Straßen Berlins um 1930. Eine Jugendgang. Eine Clique Obdachloser, geflohener Heimkinder, die sich auf dem Strich, in Kneipen, Markthallen und Kaufhäusern mit Taschendiebstählen und Schiebereien durchschlagen, an der Grenze zum Verhungern und Erfrieren, zwischen Alexanderplatz und Scheunenviertel, rund um die Volksbühne am Bülowplatz. Gewalt und Not werden einen Großteil der Deklassierten der Nationalsozialistischen Bewegung zutreiben.

    BLUTSBRÜDER ist das Drama jugendlicher Underdogs in der Vorhölle Berlin, hat den Realitätsgehalt eines Dokumentarfilms und stellt ein Berlin vor, das es in seiner Zerrissenheit bis vor kurzem noch gegeben hat und das vor allem eins verkörperte: einen ungeheuren Trieb nach Leben. Der Druck und die Beengtheit der untersten sozialen Etage im Klima der Großen Krise und des anhaltenden Nachkriegs erzeugen auf der Rückseite der Goldenen Zwanziger eine Zentrifugalkraft, gegen die sich nur wenige behaupten. Das Berlin der Gegenwart ist mit Sicherheit ein anderes, aber eins, dessen soziale Verwerfungen wir mit dem Blick auf die Verwerfungen der Vergangenheit besser verstehen.

    Uraufführung: 22.01.2015, Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz, Regie: Sebastian Klink

  • Calderóns Tochter der Luft
    Titel bestellen:

    Textbuch

    PDF

    3 D, 7 H, kleine Rollen

    Semiramis, der sagenhaften assyrischen Königin des Altertums, hatte Calderón mit seinem 1653 entstandenen Doppeldrama von der "Tochter der Luft" ein unvergängliches, aber schwer zugängliches Denkmal gesetzt. Der junge Berliner Autor Thomas Martin hat jetzt eine kühne Übertragung ins Zeitgenössische vorgelegt, die das ausufernde Drama rigoros strafft. In bildkräftiger Sprache wird von der schönen, übermächtigen Frau erzählt, die – aus einem Verließ befreit – „nur in Chaos durch die Welt gehen wird/ Tragödie in Person, Erfindung der Unordnung/ Verbote stürzend, Zwietracht säend und Gewalt/ Neid und Mißgunst soweit, daß durch mich/ Der beste Herrscher zum Tyrann wird/ Und Diktatur ausruft Semiramis/ Nachdem sie ihm den Tod gegeben".

  • Für Macbeth
    Titel bestellen:

    Textbuch

    PDF

    Nach Shakespeare
    von Thomas Martin
    5 D, 10 H

    "Shakespeare nämlich hat das Denken gar nicht nötig. Shakespeare hat auch das Konstruieren nicht nötig. Bei ihm konstruiert der Zuschauer" resümiert die dritte Hexe in dieser furiosen Macbethbearbeitung. Die Tragödie um den Aufstieg des königlichen Heerführers zum König von Schottland und die Frage nach Macht und Ohnmacht, nach freiem Willen und Vorherbestimmung dient als Folie auf der die bekannten Figuren agieren und dabei einen Blick auf sich selbst werfen. Was passiert wenn die Hexen plötzlich einen brechtschen Hexensabbat abhalten, die "Berücksichtigungen verschiedener Naturereignisse" das Spiel bestimmen oder "Begegnungen mit der der Dritten Art" nicht ausbleiben?

    Thomas Martin schreibt nicht Macbeth sondern für ihn und befragt angesichts der Erfahrungen der literarischen Moderne den eigenen und den Shakespearschen Text gleichermaßen.

    siehe auch Heiner Müller: Macbeth
    siehe auch Ronald Mernitz: MACBETH
    siehe auch Werner Buhss: Die Tragödie von Macbeth

  • Heimatstück
    Besetzung variabel

    Dreh- und Angelpunkt des Stückes sind die Tage der Wende von 1989. Während man sich im "Stumpfen Eck" nach Feierabend planmäßig besäuft, ziehen draußen Demonstrationen Richtung Stadtmitte vorbei. Perspektivlosigkeit trifft auf Restideologie, politische Naivität auf Geschichte(n). Fernsehbilder vom Mauerfall flimmern über die Gesichter. Woran sich noch festhalten, wenn nicht am Glas? Also kippen sie nacheinander um, nicht ohne einmal kräftig ihre Meinung gesagt zu haben. Am nächsten Morgen werden sie wieder an der Maschine stehen, als wäre nichts gewesen. War irgendwas? Ein junger, gerade haftentlassener Mann ist zum Totschläger geworden. Urdeutsche Mythengestalten haben die Szenerie gekreuzt. Während Thomas Martin im ersten Teil seines Stückes Momentaufnahmen eines historischen Umbruchs notiert, nimmt der zweite Teil die Form eines unruhigen Bewußtseinsstromes an: In DIE ZEITUNG oder BERLINER SPAZIERGANG läßt sich ein Passant auf einer Parkbank nieder, und die Schlagzeilen der zufällig dort ausgebreiteten Zeitung werden zum Anlaß einer atemlosen Reise durch sich überlagernde Beobachtungen, historische Erfahrungen und Visionen einer Wiederkehr totgeglaubter Gespinste. Schlußbild: Ein alter Indianer sucht Deckung und gräbt sich ein, sich dabei selbst beobachtend. Ein anspruchsvoller Text in der Tradition von Müller und Braun - und eine Herausforderung für eine formale Inszenierung.

    Uraufführung: 22.06.2002, Compagnie Scènes Lyon, Regie: Philippe Vincent (UA des 2.Teil)

  • Lasset die Kindlein (chorisch)
    Titel bestellen:

    Textbuch

    PDF

    von Thomas Martin
    1 D, Bes. variabel

    Ein fiktiver Fall. Einer von jenen Fällen, wie sie in Deutschland seit Jahren immer häufiger öffentlich werden. Eine Frau, im Stück Ein fiktiver Fall. Einer von jenen Fällen, wie sie in Deutschland seit Jahren immer häufiger öffentlich werden. Eine Frau, im Stück Vera S. Ein fiktiver Fall. Einer von jenen Fällen, wie sie in Deutschland seit Jahren immer häufiger öffentlich werden. Eine Frau, im Stück

    Vera S. genannt, hat ein Dutzend Kinder geboren. Neun von ihnen hat sie kurz nach der Geburt sterben lassen. Nach Entdeckung, Prozess und Verurteilung bleibt eine große Ratlosigkeit hinischtlich ihrer Motive. In Thomas Martins Stück vervielfältigt sich die auf sich allein zurückgeworfene Mutterfigur zu einem gnadenlosen Chor. Vielstimmig vollzieht sich ein Tribunal. Das Geschrei der Medien wechselt mit Gerichtsszenen, Kindheitserinnerungen gehen in Märchenmotive über, Zeit- und Wahrnehmungsebenen verschieben sich zu immer neuen Konstellationen auf einen unmöglichen Fluchtpunkt hin. Die Gefängniszelle wird zum Transitraum, in dem Geburten und Tode "passieren". Wie benommen muss die Verurteilte die Umstände ihrer wiederholten Taten rekonstruieren.

    Ohne Interesse an der Ausschlachtung des Sensationellen nähert sich Thomas Martins Stück dabei den Vorgängen, die sich über viele Jahre unentdeckt und jeweils schnell verdrängt in der Mitte unserer Gesellschaft vollzogen. Das Stück enthält sich jeder Verurteilung, löst den Fall aus der zugeschriebenen Monstrosität und unternimmt den Versuch, einer fragwürdigen familiären und gesellschaftlichen "Normalität", die solche Taten begleitet, auf den Grund zu gehen.

    Bei diesem Textbuch handelt es sich um eine Chorversion des Stückes, welches auch als Monologfassung vorliegt.

    siehe auch Thomas Martin: Lasset die Kindlein (Monolog)

  • Lasset die Kindlein (Monolog)
    Titel bestellen:

    Textbuch

    PDF

    von Thomas Martin
    1 D, Bes. variabel

    Ein fiktiver Fall. Einer von jenen Fällen, wie sie in Deutschland seit Jahren immer häufiger öffentlich werden. Eine Frau, im Stück

    Vera S. genannt, hat ein Dutzend Kinder geboren. Neun von ihnen hat sie kurz nach der Geburt sterben lassen. Nach Entdeckung, Prozess und Verurteilung bleibt eine große Ratlosigkeit hinischtlich ihrer Motive. In Thomas Martins Stück vervielfältigt sich die auf sich allein zurückgeworfene Mutterfigur zu einem gnadenlosen Chor. Vielstimmig vollzieht sich ein Tribunal. Das Geschrei der Medien wechselt mit Gerichtsszenen, Kindheitserinnerungen gehen in Märchenmotive über, Zeit- und Wahrnehmungsebenen verschieben sich zu immer neuen Konstellationen auf einen unmöglichen Fluchtpunkt hin. Die Gefängniszelle wird zum Transitraum, in dem Geburten und Tode "passieren". Wie benommen muss die Verurteilte die Umstände ihrer wiederholten Taten rekonstruieren.

    Ohne Interesse an der Ausschlachtung des Sensationellen nähert sich Thomas Martins Stück dabei den Vorgängen, die sich über viele Jahre unentdeckt und jeweils schnell verdrängt in der Mitte unserer Gesellschaft vollzogen. Das Stück enthält sich jeder Verurteilung, löst den Fall aus der zugeschriebenen Monstrosität und unternimmt den Versuch, einer fragwürdigen familiären und gesellschaftlichen "Normalität", die solche Taten begleitet, auf den Grund zu gehen.

    Bei diesem Textbuch handelt es sich um eine monologische Fassung des Stückes, welches auch als Chorversion vorliegt.

    siehe auch Thomas Martin: Lasset die Kindlein (chorisch)

  • Die Patriotin
    Titel bestellen:

    Textbuch

    PDF

    Unter Verwendung von Motiven aus Yukio Mishimas Erzählung „Patriotismus“
    1 D, 1 H, variabel

    Yoko, Frau des Leutnants Shinji Takeyama, der sich gerade auf rituelle Weise im Wohnhaus der beiden umgebracht hat, ist im dritten Monat schwanger. Wie der Brauch und die Rolle der guten Ehefrau es vorsieht, wird sie ihm in den Tod folgen. In den Minuten unmittelbar nach dem blutig vollzogenen Selbstmord ihres Mannes rekapituliert Yoko ihr erstes Kennenlernen, ihre Heirat, die Verstrickung ihres Mannes in den Offiziersputsch in Tokio, ihr von traditionellen Werten geprägtes Liebesverhältnis, schließlich auch das erlebte Massaker im Haus. Zum ersten Man in ihrem Leben befragt die junge Frau und Witwe ihre Rolle, innere und äußere Motive, die sie auf den Tod zu treiben. Sie entdeck ihren Anspruch auf ein sebstbestimmtes Leben: "Wir haben nicht gelebt vor unserem Tod". Gegen wen soll sie die Waffe in ihrer Hand richten? Thomas Martins Stück lässt sich als dramatische Fortschreibung der Erzählung "Patriotismus" von Yukio Mishima lesen. Der Grundkonflikt einer zwischen traditionellen Werten und innerem Freiheitsdrang zerrissenen Figur im Spiel mit den Protagonisten ihrer unmittelbaren Vergangenheit zeigt vielfältige gegenwärtige Bezugsmöglichkeiten.

    Deutsche Erstaufführung: 25.04.2012, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, Regie: Gero Troike

  • Der Sandmann
    Titel bestellen:

    Textbuch

    PDF

    Schauermärchen nach E.T.A. Hoffmann und Oskar Panizza
    3 D, 6 H

    "Kannst du dich denn nicht erinnern? An den Sandmann, Mutter, den SANDMANN! Erinnere dich!"

    Schlagartig sind die Schrecken seiner Kindheit wieder wach, als der Student Nathanael glaubt, in dem Wetterglashändler Coppola den grausigen Advokaten Coppelius zu erkennen. Ein furchterregender Mann, der für ihn das böse Prinzip schlechthin verkörpert. Nicht nur war er "Der Sandmann", der Kindern die Augen ausreißt, sondern auch derjenige, der den Tod des geliebten Vaters zu verantworten hat. Nathanael versinkt in düsteren Träumen und wirren Phantasien. Sein Haus verbrennt, die Verlobte Clara wird für ihn zu einer Automatin. Hingegen fällt er in blinde Liebe zu Olimpia, einem formvollendeten Produkt der Menschenfabrik, in der Klone aller Art fabriziert und unter die Menschen gemischt werden. Thomas Martin hat E.T.A. Hoffmanns schwarzromantisches Schauermärchen und Oskar Panizzas utopischen Horrortrip "Die Menschenfabrik" geschickt miteinander montiert. Kunstwelten, Alpträume, Räusche, hellsichtiger Wahnsinn und Realitäten balancieren in dieser Bühnenfassung souverän nebeneinander.

    Uraufführung: 07.12.2012, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, Regie: Sebastian Klink

  • Schutt
    Titel bestellen:

    Textbuch

    PDF

    (Ingemüllermonolog)
    1 D, Chor

    Eine Annäherung an ein Leben, in dem jeder Tag dem Tod abgerungen wurde. Ausgehend vom selbst gesetzten Endpunkt rekapituliert das Stück sehr frei und doch immer wieder zurückweisend auf reale Geschichte den Lebensweg der Schriftstellerin Inge Müller (1925-1966). Traumatisiert durch ein dreitägiges Verschüttetsein nach einem Bombenangriff, schlägt sie sich durch die letzten Kriegswirren. An Leib und Seele versehrt überlebt sie die Befreiung und arbeitet als Trümmerfrau im zerstörten Berlin. Das "große Mädchen mit Akkordeon" heiratet einen Zirkusdirektor und verliebt sich in den jungen Heiner Müller, mit dem sie eine hoffnungsvolle Zusammenarbeit beginnt. "Schreiben mit einer Hand" ist der Versuch, der schließlich scheitert. Am Ende ist sie wieder allein. Mit ihrer sternenklaren Sprache, mit ihrem Kampf gegen das drohende Verstummen, mit ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft und ihren Zweifeln an sich und einer unveränderbar scheinenden Welt. "Wie reimt sich Glück auf Sterben?"

    Thomas Martin zeigt eine ruhelose Glücksucherin, eine sich bis zur Selbstzerstörung verausgabende Künstlerin und eine große Liebende, die sich die Wendepunkte ihres intensiven Lebens noch einmal in Erinnerung ruft. Begleitet vom Chor der Gespenster ihrer Vergangenheit.

  • Schwarze Fahnen
    Titel bestellen:

    Textbuch

    PDF

    nach Strindberg
    3 D, 9 H

    "Sicher wird man mich steinigen. Aber das nehme ich als meinen Beruf." schrieb August Strindberg an Emil Schering, als der Roman "Schwarze Fahnen" 1907 in Stockholm endlich erschien. Strindberg hatte ein grelles Sittenbild der schwedischen Bürgergesellschaft entworfen, mit Hetzjagden bei Gespensterdiners, mit Betrügereien, Verleumdungen und Liebesaffären, mit den Eskapaden des Großschriftstellers Zachris. Frauen, die dem "niederen Rang" entkommen wollen und Männer, die sich in Klosterruinen-Abgeschiedenheit der bösen Welt entziehen, sie alle lieferten dem haßerfüllten Autor reiches Material für ein Skandalbuch, das auch auf dem Theater für Furore gesorgt hätte, wenn Strindbergs erwogene Bühnenfassung noch entstanden wäre. Für eine Inszenierung von Frank Castorf hat jetzt der Berliner Autor Thomas Martin Strindbergs Roman auf eine aberwitzige und sehr theatralische Weise montiert, mit den bösen Kindern als Moderatoren und mit dem eingefügten Monolog von einem, der sich als August Strindberg träumt und inmitten seines Theaterbaus ins Bodenlose versinkt. "Kindisch! Langweilig! Grandios!" (Robin Detje in der "Berliner Zeitung")

    Uraufführung: 08.03.1997, Stockholms Stadsteater, Regie: Frank Castorf

  • John Donne
    Donne: 
    Todes Duell
    Titel bestellen:

    Textbuch

    PDF

    oder Eine Stütze der Seele gegen das darbende und trostlose Leben des Leibes
    Aus dem Englischen von Thomas Martin
    1 H

    Daß der Monarch, der lebend über so viel Völker reichte, liegen muß in seinem Staub, ... vermischt mit Staub von jeder Straße, jedem Haufen Mist, geschluckt von jeder Pfütze, jedem Tümpel: das ist die schändlichste und niedrigste Verleumdung, die tödlichste, anmaßendste Herabsetzung des Menschen, die wir denken können.

    Es ist die letzte Predigt des wortmächtigen Engländers John Donne, der als Größter der Metaphysischen Dichter des englischen Barock gilt. "Todes Duell" ist eine Todes-Reflexion von berauschender Sprachwut, 1630 gepredigt zu White-Hall. John Donne, von schwerer Krankheit gezeichnet, spendet, bei seinem letzten öffentlichen Auftritt, Zuversicht. Sei es dem ärmsten Geschöpf oder Seiner Königlichen Majestät: "Eine Befreiung im Tod bedeutet nicht, daß Gott uns vom Sterben erretten, aber daß er acht geben wird auf uns in der Stunde unsres Todes, welcher Art unsre Überfahrt auch sei." Das Leben ist Reise und Wanderschaft, der einmalige Körper nur Tempel des Geistes. Eine sprachgewaltige Meditation über Leben und Sterben, Zersetzung und Auferstehung. Düster, hart und von faszinierendem Glauben an eine göttliche Urkraft. "Todes Duell" ist kein Schlußwort, es ist ein Wort, das ein Kontinuum von Geschichte beschwört, wie Faulkner es im "Requiem für eine Nonne" festhält vor Gericht: Das Vergangene ist nicht tot, es ist noch nicht einmal vergangen.
    Thomas Martin hat "TodesDuell" erstmals ins Deutsche übersetzt.

  • Blutsbrüder
    Cliquenturbo nach Ernst Haffner

    Das Buch von Ernst Haffner ist ein Sog, geschrieben von einem Sozialarbeiter im Tatsachenrausch, auf einer Hetzjagd zu Fuß, in der S-Bahn, dem Bus, durch die Straßen Berlins um 1930. Eine Jugendgang. Eine Clique Obdachloser, geflohener Heimkinder, die sich auf dem Strich, in Kneipen, Markthallen und Kaufhäusern mit Taschendiebstählen und Schiebereien durchschlagen, an der Grenze zum Verhungern und Erfrieren, zwischen Alexanderplatz und Scheunenviertel, rund um die Volksbühne am Bülowplatz. Gewalt und Not werden einen Großteil der Deklassierten der Nationalsozialistischen Bewegung zutreiben.

    BLUTSBRÜDER ist das Drama jugendlicher Underdogs in der Vorhölle Berlin, hat den Realitätsgehalt eines Dokumentarfilms und stellt ein Berlin vor, das es in seiner Zerrissenheit bis vor kurzem noch gegeben hat und das vor allem eins verkörperte: einen ungeheuren Trieb nach Leben. Der Druck und die Beengtheit der untersten sozialen Etage im Klima der Großen Krise und des anhaltenden Nachkriegs erzeugen auf der Rückseite der Goldenen Zwanziger eine Zentrifugalkraft, gegen die sich nur wenige behaupten. Das Berlin der Gegenwart ist mit Sicherheit ein anderes, aber eins, dessen soziale Verwerfungen wir mit dem Blick auf die Verwerfungen der Vergangenheit besser verstehen. Thomas Martins Hörspielfassung, in der er auch Regie führte, ist ein akustischer Höllentrip.

    Ursendung: 03.10.2016, DLR Kultur, 74:18 min, Regie: Thomas Martin
    Radiosendung: 15.10.2017, DLF Kultur

  • Lasset die Kindlein
    von Thomas Martin

    Vera S. hat zwölf Kinder geboren. Neun von ihnen hat sie kurz nach der Geburt sterben lassen und in Blumentöpfen vergraben. Der authentische Fall ist noch gegenwärtig. Ungeklärt nach wie vor die Frage, wie sich diese Dramen über Jahre unbemerkt vollziehen konnten. In Thomas Martins Hörspiel vervielfältigt sich die auf sich allein zurückgeworfene Frau zu einem hochsensiblen wie gnadenlosen Tribunal. Kindheitserinnerungen gehen in Märchenmotive über, Zeit- und Wahrnehmungsebenen verschieben sich zu immer neuen Konstellationen auf einen unmöglichen Fluchtpunkt hin.

    Das Hörspiel enthält sich jeder Verurteilung, löst den Fall aus der zugeschriebenen Monstrosität und unternimmt den Versuch, einer fragwürdigen familiären und gesellschaftlichen "Normalität", auf den Grund zu gehen.

    Michaela Kaspar ist Vera S.

    Sabine Worthmann komponierte Töne für Webstühle.

    Christiane Ohaus inszenierte das schwer Vorstellbare mit schmerzlich genauer Eindringlichkeit.

    Ursendung: 03.06.2011, RB und RBB 2011, 53.29 min, Regie: Christiane Ohaus

Willkommen bei
henschel SCHAUSPIEL,
dem Berliner Autorenverlag
für Theater, Film und Hörspiel