23.01.2012
"Jojo am Rande der Welt" von Stephane Jaubertie
Jojo ist ein Straßenjunge, einer von Tausenden. Eines langen Tages tauchen die Fee Anita, eine frustrierte Hartz 4-Empfängerin und ihre demente Mutter Jilette auf. Anita, die versucht, ihre prekäre Lage mit Auftragswünschen abzumildern, hat Jojo jedoch mit dem Kind eines reichen Kunden verwechselt und ist nun endgültig am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Jojo soll auf Jilette aufpassen, damit Anita bei der Volksmärchenbank endgültig Konkurs anmelden kann, aber die Alte entwischt ihm. Für Jojo beginnt eine magische Initiationsreise, die ihn durch den Wald der großen Angst in die profitorientierte Klinik- und Kneipenwelt der Brüder Ismir und Isdir Übel führt. Dort trifft Jojo im Stuhlkreis und am Tresen auf verschiedene Märchenfiguren, allerlei verkrachte Existenzen, die nur noch schlechte Kopien der Helden seiner Kindheit sind. Schließlich findet Jojo Jilette in seinem Herzen wieder. Sie verliert darin ihre Angst vor dem Tod. Jojo selbst fasst sich ein Herz und ruft Sandra, seinen Schwarm aus der Schule an.
Aus dem Französischen von Yvonne Griesel und Frank Weigand.
"Septembren" von Philippe Malone
Ein kleiner Junge verlässt im Anbruch des Tages das Haus und treibt seinen Ball durch die Ruinen einer vom Krieg zerstörten Stadt. In der Stille der Morgenröte klettert er auf einen aus ihrem Schutt errichteten Berg. Der tosende Lärm angreifender Flugzeuge, die zeitgleich auf der anderen Seite der Erde über die Bildschirme flimmern, zerstört die Idylle. In einem expressiven Antikriegspoem konterkariert Philippe Malone den stumpfen Blick des westlichen Voyeurs mit der physischen Wahrnehmung des Kindes, dem sich der Schrecken des Krieges mit jeder fallenden Bombe in den kleinen Körper einhämmert:
…diese schöne Stadt da die ihn einst wiegte diese Siedlung da stirbt einfach unter dem Blick des Kindes in seinen reglosen vor Grauen erstarrten Pupillen stirbt sie einfach und aus ihren Wunden aus ihren Straßen aus ihren Türmen und ihren Mauern aus dem Schlamm ihres Flusses schwemmt in einer schwarzen und zähflüssigen Prozession jetzt das Blut an…
Aus dem Französischen von Kristin Schulz.
"Mitteilung Nummer 10" von Samuel Gallet
Während die Militärdiktatur eines Landes mehr und mehr die Kontrolle über die Bevölkerung zu verlieren scheint, sucht der 28jährige Hassan nach dem Mörder seines kleinen Bruders. Eine Guerillatruppe von Straßenkindern wird zur poetischen Hoffnungsträgerin in diesem Endzeitstück Orwellscher Dimension. Via Radiomitteilungen machen die Kinder ihren Widerstand gegen das System publik:
Wir haben vierzig eurer Reifen aufgeschlitzt, siebzig eurer Windschutzscheiben eingeschlagen, Zucker in fünfzehn eurer Benzintanks getan, zweiundneunzig Schweinereien für euch auf die Mauern des Außenrings geschrieben. Gestern Morgen ist es dem Geliebten Nummer 16 gelungen, drei Kilo Scheiße vor eurem Rathaus zu deponieren, und einer eurer diensteifrigen Vertreter hat zehn Minuten damit vergeudet, sie von seinen Schuhen zu entfernen. In Scheiße treten ist besser als Scheiße reden, das ist einleuchtend, doch scheint es euch zu entgehen….
Aus dem Französischen von Silvia Berutti-Ronelt. Am 14.02.2012 wird „Mitteilung Nummer 10“ mit anschließendem Autorengespräch im Studio des Badischen Staatstheater Karlsruhe vorgestellt.