Die Brüder Presnjakow kommen aus Jekaterinburg im Ural, sind beide promovierte Philologen und haben mehrere Jahre an der Universität unterrichtet - Oleg (Jg. 69) Literaturwissenschaft, Wladimir (Jg. 74) Psychologie. Sie haben noch während des Studiums ein kleines Theater gegründet, in dem sie sich als Autoren, Regisseure und Schauspieler ausprobieren konnten, seit Ende der Ende der neunziger Jahre schreiben sie zusammen Theaterstücke. Bereits ihre ersten Stücke fanden große Beachtung, Europa-Asien(DEA 26.11.2004 am Staatstheater Cottbus) wurde 2001 beim Moskauer Festival für junge Dramatik "Ljubimowka" als bestes Stück ausgezeichnet. Den wirklichen Durchbruch erzielte das Autorenduo mit dem Stück Terrorismus, das in der Inszenierung von Starregisseur Kirill Serebrennikow am Moskauer Künstlertheater im November 2002 uraufgeführt wurde und seitdem auch international Erfolge feiert (mit Inszenierungen u.a. in London, Lissabon, Stockholm und einer Einladung zu den Wiener Festwochen 2004). Beim Heidelberger Stückemarkt 2003 erhielt Terrorismus (DEA 16.4.2004 am Maxim Gorki Theater Berlin) den Europäischen Autorenpreis. Im August 2003 hatte ihr Stück Opfer vom Dienst seine Uraufführung am Traverse Theatre in Edinburgh (DEA 7.5.2004 am Hessischen Staatstheater Wiesbaden), es folgten die Stücke Fußbodenbelag (DEA 21.5.2005 am Theater Aachen) und Vor der Sintflut(DEA 28.3.2008 am Staatstheater Stuttgart). In Rußland zählt das Autorenduo heute zu den bekanntesten Dramatikern ihrer Generation, ihre Stücke werden weiter mit großem Erfolg gespielt. Mit dem Roman "Tötet den Schiedsrichter" (dt. 2007) gaben die Brüder ihr Prosadebüt. Die deutsche Hörspielfassung nach diesem Roman (Bearbeitung Gabi Bigott/Andrea Czesienski) wurde bereits mehrfach gesendet und mit Preisen geehrt.
Im Ural, an der (gedachten) Grenze zwischen Europa und Asien, steht ein Obelisk - bei Brautpaaren beliebt als Glücksbringer, bei Touristen als attraktives Ausflugsziel (mit einem Bein in Europa, mit dem anderen in Asien!) und bei den Gaunern der Gegend als nette Einnahmequelle. Eine ganz besondere Methode, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, haben sich ein paar schräge Typen ausgedacht: Sie verkleiden sich als Hochzeitsgesellschaft und animieren jeden zufälligen Gast, nicht nur reichlich Wodka auf das Wohl des Brautpaares zu trinken, sondern auch, wie in Rußland üblich, großzügig für die erste Ausstattung zu spenden. Brenzlig wird es, als ein Polizist nach den Ursachen für die häufigen Unfälle mit betrunkenen Autofahrern in der Gegend forscht, ein LKW-Fahrer die animierenden Gesten der "Trauzeugin" falsch versteht oder die örtliche Mafia alle Einnahmen abkassieren will, weil es sich um ihr Revier handelt. Mit viel Einfallsreichtum, Witz und Chuzpe, vor allem aber mit viel Wodka meistert die falsche Hochzeitsgesellschaft alle Hürden und liegt sich zum Schluß mit den abgefüllten westlichen Touristen in den Armen, die diesen osteuropäischen Zirkus einfach "great" und "wonderful" finden. Eine heiter-bissige Satire auf die östliche Überlebenskunst á la Kusturica, bei der das Lachen schon ab und zu im Halse stecken bleibt.
Deutsche Erstaufführung:
26.11.2004, Staatstheater Cottbus
Zwei Freunde - Andrej und Nikolai - finden beim Renovieren ihrer neuen Wohnung einen Toten unter dem Linoleum. Wer ist dieser Tote, wie kommt er dort hin, was fangen sie mit ihm an? Es beginnt eine verrückte Odyssee, in deren Verlauf sie auf immer absurdere Weise versuchen, sich ihres grausigen Fundes zu entledigen. Ihrem Vermieter, der plötzlich auftaucht, geben sie den Toten als ihren kränkelnden Bruder aus, einer trunkenen Hochzeitsgesellschaft wird er als Gast untergeschoben, dort bei einer Rauferei zum zweiten Mal ins Jenseits befördert und schließlich auf dem Flughafen unter eine startende Maschine gelegt. Nur müssen die drei (Igor, der Vermieter, ist inzwischen zu ihrem Komplizen geworden) hinterher feststellen, dass sie aus Versehen einen Doppelgänger ihres Toten beiseite geschafft haben. Die Spirale des Absurden dreht sich weiter, der Tote erwacht, und es stellt sich die Frage, ob sie nicht selbst schon tot sind. Wie schon in ihren früheren Stücken erweisen sich die Brüder Presnjakow als Meister des schwarzen Humors. Mit höllischem Vergnügen treiben sie ihre Geschichten auf die Spitze, lassen keine Tabus aus und nehmen nichts und niemanden mehr ernst. Höchstens sich selbst.
Deutsche Erstaufführung:
21.05.2005, Theater Aachen, Regie: Michael Helle
Eine Raststätte an der ungarisch-österreichischen Grenze wird zum Ort merkwürdigster Ereignisse und Begegnungen. Kaum hält hier ein Auto mit ausländischem Kennzeichen an, knöpft sich Gyla, ein älterer Mann mit ungarischer Polizeiuniform, den Fahrer vor und versucht ihm (in der Regel mit Erfolg) Geld abzupressen. Seine Opfer sind diesmal ein österreichischer Student, der sich mit Kokainhandel sein Studium finanzieren will, ein Deutscher, der als Zeichen der allgemeinen Globalisierung eine Weltsuppe über die Grenze bringt und ein transsilvanischer Mafioso, der als LKW-Fahrer getarnt seine Geschäfte betreibt. Wie sich bald herausstellt, spielt Gyla den Polizisten nur, während er seiner Frau zuhause vorgaukelt, noch immer der erfolgreiche Autoverkäufer bei Toyota zu sein. Doch letztlich schlüpfen alle Figuren in dieser leichten, sich ins Groteske steigernden Komödie ständig in verschiedene Rollen, um sich irgendwie durchzuschlagen und sich den neuen Verhältnissen anzupassen. Jeder betrügt jeden, versucht seinen Schnitt zu machen, und niemanden stört, dass der Betrug offensichtlich ist. Umso witziger und zugleich absurder erscheint dieser von kleinen Gaunern, schrägen Typen und gescheiterten Existenzen bevölkerte Mikrokosmos, der viel über die Zustände und Befindlichkeiten in unserem heutigen Europa zu erzählen weiß.
Uraufführung:
23.10.2010, Lietuvos Nacionalinis Dramos Teatros, Vilnius, Regie: Ramune Kudzmanaite
Wenn Kriminalfälle nachgestellt werden, muß einer das Opfer spielen. Valja hat diese Rolle zu seinem Beruf gemacht. Ob in der Toilette eines Straßencafés, im Schwimmbad oder im japanischen Restaurant - Valja 'stirbt auf Befehl', präzise und originalgetreu. Erstochen, zersägt oder erschossen wird hier vor allem aus Eifersucht - auf den oder die Geliebte, den Erfolg eines alten Freundes. Haarsträubende Geschichten, denen Valja mit tief verinnerlichtem Zynismus begegnet. Sein Journalistikstudium hat er abgebrochen, überanstrengen will er sich nicht, und so scheint sein Job ihm wie auf den Leib geschneidert. Die Rolle des Mordopfers gefällt ihm noch aus einem anderen Grund. Er will dem Schicksal auf diese Art ein Schnippchen schlagen und seine große Lebensangst überwinden, selbst eines Tages zum Opfer zu werden. Doch als die Rekonstruktion des Tathergangs eines Tages zum Kriminalfall wird, ist auch diese Illusion verloren. Wer spielt dann das Opfer? Und welches überhaupt?
Deutsche Erstaufführung:
07.05.2004, Hessisches Staatstheater Wiesbaden, Regie: Jorinde Dröse
Wenn Kriminalfälle nachgestellt werden, muß einer das Opfer spielen. Valja hat diese Rolle zu seinem Beruf gemacht. Ob in der Toilette eines Straßencafés, im Schwimmbad oder im japanischen Restaurant - Valja 'stirbt auf Befehl', präzise und originalgetreu. Erstochen, zersägt oder erschossen wird hier vor allem aus Eifersucht - auf den oder die Geliebte, den Erfolg eines alten Freundes. Haarsträubende Geschichten, denen Valja mit tief verinnerlichtem Zynismus begegnet. Sein Journalistikstudium hat er abgebrochen, überanstrengen will er sich nicht, und so scheint sein Job ihm wie auf den Leib geschneidert. Die Rolle des Mordopfers gefällt ihm noch aus einem anderen Grund. Er will dem Schicksal auf diese Art ein Schnippchen schlagen und seine große Lebensangst überwinden, selbst eines Tages zum Opfer zu werden. Doch als die Rekonstruktion des Tathergangs eines Tages zum Kriminalfall wird, ist auch diese Illusion verloren. Wer spielt dann das Opfer? Und welches überhaupt? Nachdem das Stück auch als Film sehr erfolgreich gelaufen ist, haben die Autoren eine zweite, stark veränderte Remix-Fassung vorgelegt, die 2006 in der Box des Deutschen Theaters ihre DEA erlebte (Regie Christoph Mehler).
Salman ist ein betagter Schriftsteller, er hat keine Ideen mehr, fühlt sich ausgelaugt. Er steckt in einer Erwartungsschleife, denn solange er erfolgreich war, mit seinen Büchern die Welt herausgefordert hat und von ihr dafür verehrt und geachtet wurde, konnte er seiner Familie auch ein Luxusleben garantieren. Das ist nun gefährdet, und seine Frau und die beiden Söhne versuchen alles, um ihn auf neue Schreibideen zu bringen, doch nichts hilft. Da sein Kopf nun also nutzlos geworden ist, wollen sie ihn wenigstens meistbietend versteigern, schließlich war einst eine Million Dollar auf ihn ausgesetzt. Als auch diese Idee zu scheitern droht, meldet sich ein russischer Millionär, der Salmans Kopf seinem Freund zum Geburtstag schenken will. Eilig wird eine Guillotine herbeigeschafft und die Köpfung vorbereitet, doch kurz bevor das Fallbeil heruntersaust, erlöst die Familie den entsetzten Autor - alles war nur inszeniert, um ihn aus seiner Lethargie zu befreien. Warum sollte bei ihm nicht wirken, was einst Dostojewski zu seinen großen Werken verhalf - die Todesangst eines beinahe Hingerichteten, der in letzter Sekunde begnadigt wird?
Eine wunderbar schräge, mit allen Mitteln des Theaters spielende Komödie, die vor keinem Tabu Halt macht. Und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind natürlich rein zufällig.
Ein Mann kommt zum Flughafen und erfährt, daß das Gelände wegen einer Bombendrohung gesperrt ist. Seine Verhandlungstermine werden platzen, alle Pläne sind durchkreuzt, Aber warten will dieser Mann nicht. Er verkündet, daß er in der Zwischenzeit nach" Hause fährt. Schnitt: Eine Frau und ihr Liebhaber treffen sich - wie immer, wenn ihr Mann auf Dienstreise ist. "Normaler" Sex langweilt sie bereits, also wünscht sie sich eine Sado-Maso-Nummer. Geknebelt und ans Bett gefesselt sieht sie zu, wie ihr "Mann überraschend zurückkommt und den Gashahn aufdreht. Schnitt: Zwei ältere Frauen sitzen auf einer Bank, tratschen über ihre Familien, beraten, wie man den ungeliebten Schwiegersohn am besten umbringt, während der Enkelsohn der einen seine Spielzeugpistole auf die Frauen richtet. Sie jagen ihn schimpfend durchs Haus, er klingelt an allen Türen. Schnitt: In einer Katastrophenschutzeinheit wird der letzte Einsatz ausgewertet - Gasexplosion in einer Wohnung, zwei Tote ... Am Ende sitzt der Mann im Flugzeug, ruft zu Hause an, der Anrufbeantworter schaltet sich ein, und wir wissen nicht, ob sich alles vielleicht nur in seinem Kopf abgespielt hat. Eine tief-schwarze Komödie über die Aggressionen in unserem Alltag, von denen der Schritt zu brutaler Gewalt oft erschreckend gering ist.
Deutsche Erstaufführung:
16.04.2004, Maxim Gorki Theater, Berlin, Regie: Sandrine Hutinet
Schweizer Erstaufführung:
22.04.2005, Hochschule der Künste, Bern
Österreichische Erstauff:
21.01.2006, Innsbruck
2003 Sieger / Gewinner, Europäischer Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes Heidelberg
Vier schräge Typen machen sich auf, um einen Schiedsrichter zu töten, weil der angeblich Russlands Sieg bei der Fußball-EM verhindert hat. Sie entwickeln einen aberwitzigen Plan, der sie in ein All-Inclusive Hotel an der türkischen Mittelmeerküste führt und sie dort in die absurdesten Abenteuer stürzen lässt. "Wir leben in einer Comic-Welt. Und wer wird uns retten? Ein Mutant im Latexanzug ...", sagt einer von ihnen und meint es bitterernst.
Haon, ein Mann um die vierzig, kauft im Supermarkt eine Tüte Kartoffelchips. Ein Angestellter überredet ihn, eine ganz bestimmte Tüte zu nehmen, denn er sei auserwählt, den darin versteckten Gewinn - eine große Yacht - zu nutzen, um als neuer Noah die nahende Naturkatastrophe zu überleben. Nach anfänglicher Skepsis nimmt Haon diese Rolle an und macht sich auf die Suche nach Kandidaten für seine Arche. Zahlreiche bürokratische Hindernisse sind zu überwinden, um exotische Tiere aus dem Zoo zu bekommen. Gorilla Artur schließlich ist Haons beste Trophäe. Er nimmt ihn mit nach Hause, doch trifft er Frau und Sohn nicht wie erwartet bei den nötigen Reisevorbereitungen an, sondern bei einer wilden Party. Sie haben kräftig Koka-Blätter konsumiert und den Polizisten, der wegen Ruhestörung gerufen wurde, gleich mit verführt, von dem ungewöhnlichen "Blattsalat" zu kosten. Auch Gorilla Artur wird damit gefüttert und philosophiert im Vollrausch begeistert über das Wesen der Sintflut und die Möglichkeiten einer Rettung. Haon sieht dem grotesken Treiben mit wachsender Befremdung zu und begreift zu spät, daß er doch nur einem geschickten Werbegag aufgesessen ist. Das letzte Wort in diesem kuriosen Endspiel gehört dem Affen. Die Brüder Presnjakow, bekannt für ihren hintergründigen Humor und ihre Verbundenheit mit dem Theater des Absurden, treffen mit dieser turbulenten Geschichte mitten ins Schwarze heutiger Katastrophenängste und Untergangsszenarien.
Uraufführung:
28.03.2008, Staatstheater Stuttgart, Regie: Claudia Bauer
Pjotr sitzt im Flugzeug und denkt schwarzes Zeug. An Terrorismus zum Beispiel oder an sein verstrahltes sibirisches Städtchen, in dem er als Scharfschütze arbeitet. Er denkt über seine verlotterten Freunde Pepsi und Hot Dog nach, die sich mit Sicherheit überall daneben benehmen und sowieso etwas krank sind. Und er denkt flüchtig an Sex mit Natascha, der etwas englisch radebrechenden Chefin des Racheaktes, dem sie folgen müssen, egal was passiert. Sie sind unterwegs, um irgendwo an der türkischen Küste den Schiedsrichter zu erledigen, der ihr gedemütigtes Land eben aus der Endrunde der Fußball-WM pfiff. Mit Gier und Herablassung genießen sie die Vorteile eines grauenhaften Familienhotels, das ihnen all inclusive den Luxus der reichen Welt vorgaukelt. Sie wollen dabei sein, ob nun als Racheengel, Mörder oder einfach nur spaßversessene Touristen.
Es spielen Winnie Böwe, Mira Partecke, Christian Ehrich, Ronald Kukulies, Lars Rudolph und türkisch-russische Hörspielgastarbeiter.
Ursendung:
23.01.2009, RBB 2009, 54'36, Regie: Gabriele Bigott
2009 Hörspiel des Monats Januar, Akademie der Künste Berlin
2009 Nominierung des RBB zum Prix Europa, RBB Berlin
2009 Slábbész, Internationale Hörspieltage in Österreich Berging