Iwan Wyrypajew, Jahrgang1974, ist einer der wichtigsten russischen Dramatiker seiner Generation. Er stammt aus Sibirien, hat in Irkutsk und Moskau Regie studiert und ist vor allem durch seine Stücke "Sauerstoff" und Juliauch international bekannt geworden. Wyrypajew ist auch als Filmregisseur und Prosaautor erfolgreich. Für seine Theaterstücke ist er mehrfach ausgezeichnet worden, u.a. 2009 mit dem Bansemer & Nyssen Dramatiker Preis. Iwan Wyrypajew lebt in Moskau.
Im Besuchszimmer eines Krankenhauses begegnen sich, jeweils in anderer Zusammensetzung, mehrfach die gleichen Personen, wobei jedes Mal der Tod einer dieser Personen zu beklagen ist. Die Zeit scheint außer Kraft gesetzt, Vorgänge und Gespräche wiederholen sich, es kommt zu permanenten Déjà-vu-Erlebnissen. Einander verbunden fühlen sich diese Menschen durch Katja, eine junge Balletttänzerin. Katja hat nach einem Besuch in Neu-Delhi einen Tanz entwickelt, der sie nicht nur glücklich, sondern auch berühmt gemacht hat. Sie hat darin den Schmerz verarbeitet, den sie beim Anblick des Elends in Indien empfunden hat. Ob Katja selbst, ihre krebskranke Mutter, deren alte Freundin Lera, Katjas Geliebter Andrej und seine Frau Olga - sie alle tragen im Angesicht des Todes elementare Konflikte miteinander aus, ringen um Wahrheit, Ehrlichkeit, Vertrauen, kämpfen an gegen Angst, Schuldgefühle, Eifersucht und finden immer wieder zu einem Punkt zurück: Mitgefühl ist die eigentliche Grundlage menschlichen Glücks. Wie in einem Reigen tauschen sie ihre Plätze, lieben und streiten sich, halten sich aneinander fest und lassen wieder los. So wird der Text selbst zu einem Tanz - voller Rhythmus und Poesie, sinnlich, leicht und wahrhaftig. Ein Stück von geradezu magischer Anziehungskraft und Ausstrahlung.
Uraufführung:
05.03.2010, Teatr Narodowy, Warschau, Regie: Iwan Wyrypajew
Deutsche Erstaufführung:
16.03.2012, Düsseldorfer Schauspielhaus , Kleines Haus 192 - 300 Pl.; in der Regel: 202 Pl., Regie: Felix Rothenhäusler
Eine junge Frau, Patientin in einer psychiatrischen Klinik am Rande von Moskau, ist empört über die Schöpfungsgeschichte, wie die Bibel sie erzählt. Ihr Name ist Antonina Welikanowa. Sie schreibt dem Autor, Performer und Regisseur Iwan Wyrypajew und zwischen den beiden entsteht ein reger Briefwechsel. Aus Dialogen, Kommentaren, Textskizzen und Zitaten ihrer (fiktiven?) Korrespondenz entwickelt sich "Genesis Nr. 2". In dieser eigenwilligen Version werden die ursprünglichen biblischen Rollen neu besetzt. Die namenlose Frau Lots heißt jetzt Antonina, und sie streitet mit Arkadij Iljitsch - ehemals Gott und der Name von Antoninas Klinikarzt - über die Frage, ob es Gott überhaupt gibt. Und falls er existiert, glaubt er dann auch an uns? "Genesis Nr. 2" ist ein Theaterstück, das einen radikal anderen Blick auf die Welt und ihren Mangel an existentiellen Gewißheiten bietet. Sein erfrischend provokanter Stil, die poetischen Dialoge, kurzen dramatischen Szenen und fröhlich-derben Lieder machen es zu einem Vorzeige-Stück der funkelnden russischen Avantgarde.
Deutsche Erstaufführung:
22.05.2008, Sopheinsäle Berlin, Regie: Katarina Gaub
Vier junge Schauspieler erzählen von zwei befreundeten Paaren - Danny und Sandra, Albert und Margret. Sie sind um die achtzig, seit über fünfzig Jahren verheiratet, und sie ringen am Ende ihres Lebens um letzte Momente der Wahrhaftigkeit. Als erster stirbt Danny, und er dankt Sandra auf dem Sterbebett für die Liebe, die sie verbunden hat, für ihre Aufrichtigkeit und das gemeinsame Glück. Sandra wiederum gesteht Albert kurz vor ihrem Tod, dass sie im Grunde immer nur ihn geliebt hat, woraufhin Albert, der davon nichts geahnt hatte, seinerseits in Liebe zu Sandra entflammt, was er seiner Frau Margret auch in aller Ehrlichkeit erzählt. Und wie reagiert Margret? Sie beichtet Albert eine heimliche Affäre mit Danny, doch das ist nur ein Scherz, sie will ihn ärgern. Albert entdeckt daraufhin seine Liebe zu Margret neu, aber da hat sich diese schon aufgehängt.
Iwan Wyrypajew ist einer der formbewusstesten und poetischsten Dramatiker unserer Zeit. Auf geniale Weise, lustvoll und leicht, pendelnd zwischen Tragik und Komik, spielt er in diesem Erzählreigen mit der Auflösung sämtlicher Gewissheiten. Aus Realitäten werden Trugbilder, nichts hat Bestand, alles ist Illusion, und doch ist alles erfüllt von Liebe.
Uraufführung:
29.09.2011, Städtische Theater Chemnitz gGmbH , Ostflügel (Schauspielhaus), Regie: Dieter Boyer
Schweizer Erstaufführung:
18.02.2012, Schauspielhaus Zürich , Kammerbühne im Pfauen, Regie: Julia Burger
Sein Haus ist abgebrannt, mit allem, was sein Leben ausgemacht hat in der dörflichen Einöde. Als Ort der Zuflucht stellt er sich das Irrenhaus von Smolensk vor, doch bevor er dort einziehen kann, braucht er eine Bleibe. Sein Nachbar Kolja will ihn nicht aufnehmen, also tötet er ihn und seine Hunde gleich mit. Dann, in der Stadt, bringt er einen Obdachlosen um, denn er braucht dessen Schlafsack für ein paar Nächte. Das nächste Asyl wird ihm freiwillig gewährt, im Kloster, von einem Popen, aber auch den tötet er, langsam, qualvoll, denn er war so gütig zu ihm und soll dafür als Heiliger ins Paradies kommen. Danach beginnt sein eigenes Martyrium, in der Irrenanstalt, wo er nun ganz unfreiwillig landet. Er wird gefoltert, gequält, härtesten Prüfungen ausgesetzt. Raum und Zeit lösen sich auf, Identitäten verschwimmen, Träume, Gesichte beherrschen ihn. Und dann, am Ende aller Qualen, erscheint seine Jugendliebe, als Pflegerin, und er stiehlt ihr das Herz, wortwörtlich, um die Liebe endgültig und ganz in sich aufnehmen zu können. Was klingt wie die Gewaltorgie eines Monsters, ist in Wahrheit die Geschichte eines Heilsuchers unserer Tage, der Aufschrei einer verletzten, zerstörten, gepeinigten Seele. Eine besondere, jeden Anflug von Realismus ausschließende Wirkung bekommt der explosive, literarisch verdichtete Text, wenn er (wie in der Moskauer Uraufführung 2007) von einer jungen Schauspielerin vorgetragen wird.
Deutsche Erstaufführung:
10.10.2008, Schauspiel Leipzig/Theater Konstanz, Regie: Mareike Mikat/Sabine Loew
Österreichische Erstauff:
15.10.2008, Schauspielhaus Wien GmbH
Ursendung:
10.07.2009, Deutschlandradio Kultur, 54'33, Regie: Anouschka Trocker
Schweizer Erstaufführung:
12.12.2009, Theater an der Winkelwiese
Vier junge Schauspieler erzählen von zwei befreundeten Paaren - Danny und Sandra, Albert und Margret. Sie sind um die achtzig, seit über fünfzig Jahren verheiratet, und sie ringen am Ende ihres Lebens um letzte Momente der Wahrhaftigkeit. Als erster stirbt Danny, und er dankt Sandra auf dem Sterbebett für die Liebe, die sie verbunden hat, für ihre Aufrichtigkeit und das gemeinsame Glück. Sandra wiederum gesteht Albert kurz vor ihrem Tod, dass sie im Grunde immer nur ihn geliebt hat, woraufhin Albert, der davon nichts geahnt hatte, seinerseits in Liebe zu Sandra entflammt, was er seiner Frau Margret auch in aller Ehrlichkeit erzählt. Und wie reagiert Margret? Sie beichtet Albert eine heimliche Affäre mit Danny, doch das ist nur ein Scherz, sie will ihn ärgern. Albert entdeckt daraufhin seine Liebe zu Margret neu, aber da hat sich diese schon aufgehängt.
Iwan Wyrypajew ist einer der formbewusstesten und poetischsten Dramatiker unserer Zeit. Auf geniale Weise, lustvoll und leicht, pendelnd zwischen Tragik und Komik, spielt er in diesem Erzählreigen mit der Auflösung sämtlicher Gewissheiten. Aus Realitäten werden Trugbilder, nichts hat Bestand, alles ist Illusion, und doch ist alles erfüllt von Liebe.
Ursendung:
18.05.2012, rbb, Regie: Oliver Sturm
Die Frau, die hier spricht, scheint sich selbst erstaunt zuzuhören. Sie erzählt irritierend naiv und unbekümmert von dem mit normalen menschlichen Maßen nicht faßbaren Werdegang eines sich in multiple Figuren zersetzenden Mannes. Er ist ein wütender Mann, ein verzweifelter, ruhelos Getriebener, der sein Haus verlohr und nun Unterschlupf finden will in einer Psychatrie. Viele Tote läßt er dabei hinter sich. Es passiert nebenbei. Alles, was er tötet, auffrißt, quält geschieht aus dem unstillbaren Hunger nach Liebe und Erlösung. Ein Gekreuzigter, der nicht aufhören kann, sich und seine Umwelt immer wieder leidend vom Leid zu erlösen.
Regisseurin Anouschka Trocker hat eine grandiose, mutige Hörspielinterpretation dieses preisgekrönten Textes geliefert.
Mit Katharina Schubert. Komposition Christof Kurzmann
Ursendung:
10.07.2009, RBB, 54'33, Regie: Anouschka Trocker