Sergej Medwedjew, geboren 1960 in Rostow am Don (Südrussland), hat Physik studiert, als Ingenieur und Journalist gearbeitet und Texte für Rockbands geschrieben. Von 2003 bis 2007 war er Herausgeber einer regionalen Tageszeitung, seit zwei Jahren schreibt er Theaterstücke. Sein bisher erfolgreichstes Stück Eine Friseuseist in Russland mehrfach inszeniert worden und bekam 2008 beim Berliner Stückemarkt als Preis eine Hörspielproduktion von Deutschlandradio Kultur (Regie Heike Tauch). Sein Stück Die Kröteentstand 2008. Medwedjew lebt mit seiner Familie in Rostow.
Irina ist eine verträumt professionelle Provinzfriseuse. Ihr Liebster, den sie noch nie gesehen hat, sitzt im Gefängnis. Er heißt Jewgeni, will mit ihr nach Moskau gehen und ihr die Welt zu Füßen legen. Seine Briefe brennen vor Begierde. Da kommt niemand aus dem Städtchen gegen an. Nicht der rührende Feuerwehrmann und auch nicht der Herr Staatsanwalt, dem sie regelmäßig die nicht mehr vorhandenen Haare schneidet. Und dann erscheint Jewgeni und er ist ein furchtbarer Kerl, eine laufende Katastrophe. Irina stirbt fast, aber ihr Traum von einem glücklichen Leben ist so entwaffnend, dass nicht mal der Tod eine Chance hat.
Mit Valery Tscheplanowa, Margit Bendokat, Falk Rockstroh, Andreas Fröhlich u.a.
Komposition Jörg Gollasch
Ursendung:
14.10.2009, Deutschlandradio Kultur, 50'12, Regie: Heike Tauch
2009, Hörspielpreis Nominierung Karlsruhe
Irina, "eine Blondine mit ganz schwarzen Augenbrauen", betreibt in der russischen Provinz einen Friseursalon und träumt vom einfachen Familienglück. Den Mann dazu glaubt sie gefunden zu haben, nur sitzt er noch im Gefängnis. Seit einem halben Jahr schreiben sie sich heiße Liebesbriefe, und Irina kann den Tag seiner Entlassung kaum erwarten. Sie will mit ihrem Jewgeni nach Moskau gehen, er hat die nötigen Kontakte dort und wird sie in einem piekfeinen Friseurladen unterbringen. So schreibt er jedenfalls, und warum sollte sie ihm nicht glauben. Der Herr Staatsanwalt, dem sie jede Woche die Haare schneidet, warnt sie zwar, aber Irina lässt keine Zweifel zu. Sie hält Jewgeni die Treue, auch als Viktor sie zu umwerben beginnt, ein rührend tollpatschiger Feuerwehrmann. Jeden Tag bringt er ihr Blumen vorbei oder ein Geschenk, und schließlich macht er ihr einen Heiratsantrag, aber Irina lehnt ab, denn sie hat ja ihren Jewgeni. Als dieser endlich auftaucht, ist Irina überglücklich, doch dann beginnt die Katastrophe.
Irina erzählt ihre Geschichte so erfrischend naiv und gutgläubig, dass sie unfreiwillig komisch wirkt. Die Komik wird zum Horror, der Horror zum Witz, und alles hat etwas wunderbar Illusionistisches.Ein bezauberndes, leichtes Stück über eine Frau, die einfach kein Opfer sein will.
Deutsche Erstaufführung:
Landestheater Württemberg- Hohenzollern (LTT), LTT-Werkstatt
Am Morgen dieses ersten April geschehen merkwürdige Dinge - Ljudmila verwandelt sich vor den Augen ihres Freundes Viktor in eine riesige Kröte und sagt fortan nur noch "quak". Viktor ist ratlos. Wie soll sie jetzt zur Arbeit kommen, sie kann doch nicht mit dem Bus fahren, in ein Taxi passt sie auch nicht. Aber sie muss weg, denn Viktor hat heute frei und erwartet seine Kollegin Vera, mit der er eine kleine Affäre angefangen hat. Der Versuch, Ljudmila als Notfall ins Krankenhaus bringen zu lassen scheitert, also stülpt Viktor einfach einen großen Karton über seine Kröte und schmust unbefangen mit Kollegin Vera. Doch bald werden die beiden Turteltauben von einem Polizisten gestört, der dem Hinweis des Notarztes nachgehen muß. Der Polizist lässt sich von Ljudmilas äußerer Gestalt nicht beeindrucken, im Gegenteil, er ist begeistert von der Kröte: sie hört auf jeden Befehl, kann nicht widersprechen und ist absolut friedlich - eine bessere Frau kann man sich gar nicht wünschen. So sieht es am Ende auch Viktor, der nach noch weiteren Turbulenzen und reichlich Wodkagenuss am nächsten Morgen erwacht und seine Ljudmila wieder in alter Gestalt neben sich findet. Ein gelungener Aprilscherz?
Ihren Witz entwickelt diese turbulente Komödie vor allem aus der Ignoranz aller Beteiligten gegenüber der paradoxen Situation, in der sie sich befinden. Darin erinnert sie an die absurden Geschichten eines Daniil Charms oder Kafka. Seine Figuren zeichnet Medwedjew mit sehr viel menschlicher Wärme, sein Spott gilt ihrem gnadenlosen Provinzialismus.
Deutsche Erstaufführung:
15.05.2010, Landestheater Württemberg- Hohenzollern (LTT), LTT-Werkstatt, Regie: Elina Finkel